Gedankenlesen-Kolumne #1 – Über Ideale

Willst du mal Gedanken lesen?

Geben wir es zu, alle gemeinsam: Wir alle würden manchmal gern wissen, was andere so denken. Denken tue ich viel. Schreiben auch. So lasse ich dich gern in meine Gedankenwelt eintauchen, in der Abhandlungen über soziale und kulturelle Fragen keine Seltenheit sind.

Über Ideale

Manchmal sage ich etwas. Manchmal wird mir daraufhin vorgeworfen, ich sei idealistisch und naiv. Manchmal habe ich dann betreten geschwiegen. Seit kurzen aber mag ich voller Überzeugung zustimmen!

Der Sinneswandel kam mit der Frage, aus welchem Grund Idealismus so häufig als Vorwurf gemeint ist.

Letztens habe ich mich mit meinem Mitbewohner unterhalten. Wir saßen in einer gemütlichen Spelunke, in der wir uns beinahe übereinander stapelten, so voll war sie. Wir tranken süßen Rotwein. Karaffenweise. Als wir schließlich leicht schwankend durch die urigen Altstadtstraßen spazierten, sprach er meinen Idealismus an. Er sagte es gar nicht lapidar, sondern überlegt und nicht einmal wertend, als er meinte zu wissen: „Ich glaube so nett bist du gar nicht.“ 

Ich stimmte zu. 

Nun, natürlich bin ich nett – ich bemühe mich stets, einen freundlichen Umgangston zu wahren und achtsam mit meinen Mitmenschen umzugehen. Ich habe das gut durchdacht. Ich finde es richtig und wichtig. 

Zudem macht es mir auch einfach viel mehr Spaß, als grummelig meinen Lebensweg durch die Erdgeschichte zu bestreiten. 

Was mein Mitbewohner meinte, und stillschweigend wussten wir das beide, war Folgendes: Idealismus ist keine Realitätsverweigerung, keine Fantasie von einer mit dem Harmoniegewächs übersäten sonnigen Blumenwiese. Auch die Naivität hält sich bewusst von dieser Wiese fern.

Ich möchte auch einen dritten Begriff nennen, dem häufig eine Verwandtschaft mit dem Idealismus unterstellt wird: die Ideologie. Alle drei leiden stark unter dem Vorwurf der irrationalen realitätsferne. 

Doch ihre tatsächliche Begriffsbedeutung sollte einmal geklärt werden. Zudem sollte zwischen Idealismus, Ideologie und Naivität unterschieden werden. Sie sind nur Nachbarn – keine Verwandten. 

Was die drei Begriffe tatsächlich gemeinsam haben, ist ein gemeinsames Fundament. Ihr Keller sozusagen. Allen dreien geht eine im Kontext ihrer Zeit geäußerte Gesellschaftskritik voraus. Eine Kritik gegenüber treibenden Faktoren, die aufgrund ihrer anspruchsvollen Konsequenzen kritisch betrachtet werden. 

Beispielsweise wären das heute u.a. Massenkonsum, Schnelllebigkeit, Mobbing, Leistungsstreben, Oberflächlichkeit von Schönheitsidealen, Zerstörung der Artenvielfalt, bewaffnete Konflikte, Krieg.

Nun, sobald die Katze aus dem Sack ist, die Gesellschaftskritik also einmal gedacht und formuliert, fordert sie eine Reaktion. Wie gehe ich mit dieser unbefriedigenden Situation um, in einer Welt mit super chaotischen und echt problematischen Aspekten zu leben? Aspekte, die mich bestenfalls emotional berühren. Flucht durch sterben ist halt doof. Das Leben ist ja ganz nebenher auch spaßig und schön.

Viele intelligente Menschen reagieren deshalb mit Satire. Sie nehmen die gegebene Situation einfach mit Humor und decken so geschickt ihre Probleme auf. Die Partei die PARTEI ist ein Beispiel dafür. 

Auch der Idealismus, die Ideologie und die Naivität sind mögliche Reaktionen der Gesellschaftskritik. Was sie voneinander unterscheidet, ist die Art, mit dieser unbefriedigenden Situation umzugehen.

Der Idealismus (Achtung, Idealismus ist auch eine Epoche oder eine metaphysische Erkenntnistheorie) legt der kritischen Zeitdiagnose verabsolutierte Prinzipien oder Ideale wie Gerechtigkeit, Vernunft oder Liebe als eine Art Verbesserungsvorschläge zugrunde. 

Diese Ideale sollen dabei entweder eine positive Vorbild- oder eine negative Warnfunktion ausüben. Sie bilden eine rationale, realitätsadäquate Alternative menschlicher Wirklichkeit, die in ihren Tiefenstrukturen analysiert und anhand von verschiedenen normativen Kriterien bewertet wurde. Auch die idealen Verbesserungsvorschläge selbst wurden dabei kritisch anhand von verschiedenen Ethik-Konzepten wie dem kantianischen Vernunftprinzip oder dem Konsequentialismus usw. auseinandergerupft. 

Das Werkzeug des Idealismus ist also ein Spiegel, den er der Gesellschaft vorhält. Der Spiegel gaukelt der Gesellschaft jedoch nicht wie im Märchen Schneewittchen vor, wie schön sie ist. Der Spiegel kritisiert – und zwar heftig. Doch der Spiegel kann noch mehr: Er kann über seine Kritik hinaus punktuelle (und das ist wichtig) Verbesserungsvorschläge machen. An die kann man sich halten, oder eben auch nicht. Es wäre halt nur besser.

Denn die Vorschläge sind gut durchdacht und wissenschaftlich gestützt. Dem Idealismus ist durchaus bewusst, dass er Ideale postuliert. Er ist sich der Diskrepanz dessen bewusst, dass die Ideale eben keine Realität sind. Er will keinen idealen Gesellschaftszustand entwerfen, der dann auch tatsächlich umgesetzt wird. Statt Verwirklichung strebt er nach Verbesserung. 

Seine Funktion ist primär, Möglichkeiten zu formulieren, nach welchen Werten eine Gesellschaft alternativ funktionieren kann. Mit dem optimistischen Hinweis, das doch einfach mal auszuprobieren. Nach dem Motto: Was kann man schon verlieren?

Nun zur Ideologie. Die Ideologie nämlich ist ein wenig ausgefuchster. Von dem Idealismus unterscheidet sie die ganz zentrale Kleinigkeit, dass sie einen kompletten idealen Gesellschaftsentwurf vorlegt. Diese ideale Gesellschaft ist bis ins kleinste Detail ganzheitlich (darin liegt auch der Unterschied zum Idealismus) durchreguliert. In ihr ist kein Platz mehr für die Probleme, welche in der zugrunde gelegten Gesellschaftskritik formuliert wurden. Ihr Ziel ist ganz klar: Verbesserung und Verwirklichung. 

Dieser ideologische Gesellschaftsentwurf folgt einer komplexen, ganzheitlichen Weltanschauung, die explizit gesamtgesellschaftliche Machtverhältnisse nach festen, zugrunde gelegten Normen gestalten will. Dagegen wirkt der Idealismus wie Wackelpudding. 

Nach meiner Erfahrung enthält eine Ideologie häufig elementare Widersprüche, die bei Anhängern einer Ideologie zu Vereinfachung führen kann, wenn sie sich nicht kritisch mit dieser Ideologie selbst befasst haben und von ihrem ganzheitlichen Realisierungsanspruch abgerückt sind. 

Ich würde mich beispielsweise nicht als ideologisch sehen, da ich keiner konkreten Ideologie anhänge (obwohl ich mich durchaus eine Zeit recht intensiv und kritisch mit einigen ideologischen Gesellschaftsentwürfen befasst habe).

Mit der Naivität hingegen kann ich mich gut anfreunden. Ich mag die Naivität. Leider ist sie gemeinhin recht negativ konnotiert. Der naive Mensch ist ein wenig einfältig, kindlich, leichtgläubig. Er kann keine angemessenen Bewertungen eruieren. 

Nun bin ich sicher, dass niemand mir mit meinem Bachelorabschluss absprechen würde, keine gut durchdachten Einschätzungen abgeben zu können. Gleichzeitig stimme ich vollkommen zu, dass ich ab und an naive Ansichten vertrete. Denn ursprünglich (und deckungsgleich zu meinem Verständnis dieses Begriffes) bezeichnet die Naivität nämlich eigentlich etwas ganz Sympathisches: Den Glauben an die Möglichkeit des Guten. 

Die Naivität hegt die Hoffnung, dass Menschen sensibel und respektvoll miteinander umgehen und einander Beachtung schenken. Die Realität ist für sie die Möglichkeit fürsorglicher Zwischenmenschlichkeit. Das impliziert für sie die einzig logische Konsequenz, dass auch sie voller Liebe und Zuneigung handeln muss, stets bemüht, niemandem vorsätzlich Leid anzutun. 

Ihre Anteilnahme kommt von innen heraus, ist authentisch, sie benötigt (im Gegensatz zum Idealismus) keine vorausgehende, rationale, logische Reflexion (was nicht bedeutet, dass für bestimmte naive Ansichten keine solche hergeleitet werden könnte). Sie kommt frei aus dem Herzen heraus und spiegelt ehrliche Emotionen. 

Eine Welt die Naivität wäre frei von unbeschwertem Optimismus und der Tatkraft, die entsteht, wenn alles als grundsätzlich möglich erachtet wird. Die Naivität ist intuitive Menschlichkeit und Empathie, Zuwendung und Achtsamkeit. 

Die Naivität glaubt an die Realisierung der Verbesserungsvorschläge. Sie betrachtet diese als grundsätzlich möglich.

Glaube ist nicht an Institutionen gefunden. Wir alle glauben. Ohne den Glauben hätte sich die Menschheit nie zu ihren hochkomplexen Gesellschaften entwickelt. Das Medium, das wohl die größte Gruppe an Gläubigern weltweit vereint, ist das Geld. Wir müssen an die Funktionsweise und den Wert der Papierscheine glauben, ansonsten sind sie nichts weiter als das: Papierscheine. 

Ich finde, Idealismus und Naivität passen wunderbar zusammen. Sie werden zwar häufig undifferenziert mit derselben (negativen) Bedeutungskonnotation versehen. Doch meine ich, geht das eine zwar ohne das andere, aber gemeinsam bilden sie ein bravuröses Team: 

Die logisch reflektierten ethischen Ideale als realitätsadäquate Verbesserungsvorschläge auf der Grundlage einer rational eruierten kritischen Zeitdiagnose benötigen in ihrer logischen Konsequenz den Glauben an die Möglichkeit ihrer Realisierung und eine optimistische, authentische Tatkraft ihrer Umsetzung. 

Wenn mein Mitbewohner also sagt „so nett bist du gar nicht“ dann meint er eben genau dies: Zum einfach nur nett sein gehört sehr viel mehr dazu.

Von Mandy Lüssenhop

Dieser Beitrag entstand im Zuge eines kleinen Selbstexperiments, während dem ich mich im Kolumnen-Schreiben übte. Die Kolumnen schickte ich über einen Mailverteiler zunächst an Freunde und Familie, um ausgewählte Exemplare nun zu veröffentlichen.

Bildquelle: Eigene Aufnahme

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