Gedankenlesen-Kolumne #8 – Über Authentizität

Willst du mal Gedanken lesen?

Geben wir es zu, alle gemeinsam: Wir alle würden manchmal gern wissen, was andere so denken. Denken tue ich viel. Schreiben auch. So lasse ich dich gern in meine Gedankenwelt eintauchen, in der Abhandlungen über soziale und kulturelle Fragen keine Seltenheit sind.

Über Authentizität

Ich habe meinen Großonkel nie kennen gelernt und habe doch viel von ihm gelernt. Er hatte ein Buch geschrieben. Er hatte sehr spannende Gedanken über Gesellschaft, Religion und Politik. Er hatte eine schlechte Bildung bekommen. Er hatte eine spastische Lähmung. 

Jeder, der sich auch nur oberflächlich mit dem Nazi-Regime befasst hat, kennt mögliche Konsequenzen der Benachteiligung und Diskriminierung von Menschen, die nicht bestimmten Idealen entsprechen. 

Die systematische Umerziehung oder Ausgrenzung von Menschen während des Nazi-Regimes ist nur eines von weiteren Extrembeispielen. Offenbar ist diese Praktik in abgeschwächter Form heute noch tragbar.

Die Betreiber der Smartphone App „Tic Toc“ haben gezielt die Reichweite von Personen mit Behinderungen, körperlichen Makeln oder Übergewicht begrenzt bzw. vielmehr Videos, die diese Personen zeigen.

Offenbar sind Soziale Medien ein Raum der Schönen, Reichen und Jungen, die alle ausschließen, die nicht in diesen Körperkult und Wirtschaftslogik passen (wollen). 

Ich habe letztens im sog. Feed bei Instagram herumgescrollt. 

Da war ein junges Mädchen, die ihre unzähligen Weihnachtsgeschenke präsentierte. 

Ein junger Mann, der anderen jungen Männern ungesund klingende Ratschläge gab, wie sie möglichst große Muskelmassen aufbauen könnten, Einkaufsratgeber und Markenempfehlungen inklusive. 

Ein anderes Mädchen mit makellos reiner Haut, die erklärte, wie sie ihre Hautunreinheiten ein für alle Mal los wurde, mit nur einem einfach Trick und ganz bestimmten Produkten, die direkt verlinkt waren. 

Unzählige andere Menschen, die ihre durchtrainierten Körper vor den Kulissen indonesischer Urlaubsorte präsentierten, Angaben über sündhaft teure Kameras und Fotobearbeitungsprogramme in der Bildbeschreibung direkt mitgeliefert.

Eine junge Frau, jünger als ich, die sich bereits erfolgreich mit Kochbüchern über Diättrends selbst vermarktete und das widersprüchliche Vorbild einer häuslich-kochenden Unternehmensleiterin präsentierte. 

Nachdem ich so umhergescrollt hatte, fühlte ich zunehmend eine eigenartige Distanz, beinahe Ekel. 

Bildhafte Erinnerungen aus Kenia kamen mir in den Kopf. Verschnupfte kleine Kinder, die nach meiner Hand grapschen, die mit anvertrauen, dass sie ihre Eltern aufgrund von Straßenkämpfen verloren haben, eine Lehrerin, die mir erklärt, dass diese Straßenkämpfe ausbrachen, weil die Menschen hungernd um Nahrung konkurrieren und kein staatlicher Sicherheitsapparat existiert. Das führt dazu, dass diese Kinder eine marginale Bildung von europäischen Bachelorstudierenden ohne didaktische Ausbildung erhalten. Armut wird dort vererbt. 

Ich starre auf das Bild einer blonden Schönheit, die in die Kamera grinst und glitzernde Billigmode präsentiert.

Ich löschte meinen Instagram-Account.

Ich empfand Wut und Ekel über so wenig Sinn für Fragen der Gerechtigkeit. 

Neulich war ich im Theaterkurs, wir sind gerade auf Themensuche für unser Stück. Im Gespräch war, Diskriminierung zu thematisieren. Im Zuge dessen sagte die Theaterpädagogin, die unser Vorhaben koordiniert, unendlich weise Worte, die ich niemals vergessen werde.

Sie zeichnete ein Beispiel. Vor einer Mauer stehen drei Personen. Person Nummer Eins ist groß genug, um über die Mauer zu schauen, Person Nummer Zwei kann gerade so nicht darüber schauen und Person Nummer Drei schafft es nicht einmal hüpfend. 

Nun wird gerechterweise allen dreien ein Hocker gegeben. Person Nummer Eins kann weiterhin über die Mauer schauen. Person Nummer Zwei kann nun über die Mauer schauen. Für Person Nummer Drei reicht es weiterhin nicht.

Nun wird Person Eins der Hocker genommen, sie braucht den Hocker nicht, und Person Drei gegeben, damit diese endlich auch über die Mauer schauen kann. Doch Person Eins fühlt sich ungerecht behandelt. Die anderen beiden Personen schließlich haben einen Hocker bekommen. Dass der Hocker der einen Person nicht einmal reicht, während sie selbst nicht einmal einen Hocker benötigt, spielt für das Gerechtigkeitsempfinden dieser Person keine Rolle, solange sie sich nicht eingesteht, dass sie einen grundlegenden Vorteil hat.

Die Theaterpädagogin schloss mit den Worten: Solange wir nicht einsehen, dass wir privilegiert sind, sind wir blind für Gerechtigkeit. 

Ich habe die besten Grundvoraussetzungen in dieser Welt der Scheinheiligkeit. Ich bin jung, habe lange blonde Haare, keine großartigen körperlichen Makel, habe eine gute Bildung bekommen, lebe in einem demokratischen Rechtsstaat. 

Doch meine Familie, nicht zuletzt mein Onkel mit seiner spastischen Lähmung, hat mich gelehrt, dass mich meine Privilegien nicht zu einem besseren Menschen machen, dass diese Privilegien beinahe willkürlich sind, so viele Faktoren determinieren diese zahlreichen Vorteile, die ich habe. 

Deswegen kann ich so einen Schönheitsreichtumsjugend-Kult intuitiv nicht so gut nachvollziehen.

Die Theodizee-Frage, also die Frage danach, warum es Leid gibt, wenn Gott doch gut sei, die in vielen Familien gestellt wird, stellten meine Eltern, die keiner christlich-religiösen Institution angehören, eher im Sinn einer Gerechtigkeitsfrage. Wie kann es sein, dass kleine Kinder an Hunger sterben oder junge Frauen als Näherinnen kaum Gehalt bekommen und unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, während wir reicher leben als die Könige im Mittelalter? Fragte meine Mutter oft.

Weder will ich in den sozialen Medien mit meinen willkürlichen Privilegien prahlen, noch möchte ich eine Gesellschaft unterstützen, die Menschen, die keinen Zugang zu diesen willkürlichen Privilegien haben, auch noch diskriminiert. 

Diese Gesellschaft der Schönen, Reichen und Jungen ist ein Konstrukt. Es ist nicht echt. Es ist nicht einmal nur eine marginale Gesellschaftsgruppe, sie ist schlicht nicht existent. 

Der muskelbepackte, blonde Ingenieurshipster ist nicht natürlich, er ist gesellschaftlich konstruiert und wird sich selbst noch auf jedes Gramm Fett, auf jede Falte hin unsicher fühlen. Er wird alles dafür tun, sich selbst verleugnen, um diesen Idealen zu entsprechen.

Zu dieser Gesellschaftsgruppe kann niemand gehören. Niemand entspricht natürlicherweise den Idealen, die in den sozialen Medien als erstrebenswert propagiert werden. 

So können eben auch die Privilegierten Opfer des optimierten Körperkultes werden: Ich habe keine Lust, meinen Tagesablauf nach meinem Äußeren zu strukturieren. Statt Fitnessübungen zu absolvieren, möchte ich Bücher lesen. Statt am Strand zu liegen und meinen neuen Bikini zu zeigen, möchte ich mich durch Urwälder kämpfen. Statt neue Bikinis zu kaufen, möchte ich Artikel wie diesen schreiben. Statt andere mich um mein Aussehen beneiden zu lassen und daraus meinen Selbstwert zu ziehen, möchte ich anderen ein Kompliment aussprechen und sie in ihren Äußerungen ernst nehmen. 

Für die sozialen Medien bin ich schlicht nicht interessant. Ich bin ausgeschlossen, wenn ich diese Regeln nicht mitspiele.

Weil ich nach anderen Regeln leben möchte, bin ich entweder Vorbild oder Ausgestoßene. Ich möchte keines von beidem sein. Ich möchte einfach einen Raum dafür haben, mich selbst frei zu entfalten. 

Diesen Raum möchte ich vor allem auch für andere. Für jeden Menschen, der eine Behinderung hat, für jeden Menschen, der keinen Waschbrettbauch hat, für jeden Instagram-Nutzer. 

Ich glaube, dass im Grunde genommen nur wenige wirklich nach diesen propagierten Idealen streben. Ich glaube, im Grunde genommen wollen wir gemocht und wertgeschätzt werden, für genau die einzigartige Persönlichkeit, die wir selbst sind. 

Und das ist wunderschön! Wir leben in einer unglaublich vielseitigen, widersprüchlichen, pluralistischen Wirklichkeit. Ich empfinde es als ungehörig blind und dumm, diese Wirklichkeit zu verleugnen, indem einfach alles ausgeschlossen wird, das dort nicht herein passt und ein seltsam unechter Einheitsbrei geschaffen wird. 

Hier sind Menschen mit Behinderungen. Hier sind Menschen mit dunkler Hautfarbe. Hier sind Männer, die als klassische Frauenthemen konnotierte Verhaltensweisen mögen. Hier sind Jugendliche, die schüchtern sind und Pickel haben. Hier sind Mädchen, die breite Hüften haben. 

Leiderfahrungen können die Grundvoraussetzung für Verständnis und Empathie sein. 

Hätte ich als Jugendliche (ok, auch heute noch) keine Pickel gehabt, hätte ich keine dummen Sprüche für meinen heranwachsenden Körper oder meinen Namen bekommen, hätte ich nicht immer aufs Geld achten müssen, wüsste ich nicht, wie es sich so etwas anfühlt.

Wir alle machen diese und ähnliche und viele leider häufig viel schlimmere Leiderfahrungen. Ich sage Leiderfahrungen, um sie in einen größeren Kontext einzuordnen, denn mir selbst ging es nie wirklich schlecht. Diese schon minimalen Leiderfahrungen lassen mich allerdings grob erahnen, wie es sein muss, wirklich heftige Leiderfahrungen zu machen – wie systematisch ausgeschlossen zu sein. 

Ich kann es nachfühlen, spüre es beinahe körperlich, wenn jemandem Leid angetan wird. Wie könnte ich also auf die Idee kommen, diese Gefühle einem anderen auch noch anzutun?

Es schockiert mich, dass diese einfachen Wahrheiten, obwohl gewusst, noch immer nicht verstanden werden. Dass sich die Diskriminierung heute von politischen Systemen mitten in die Zivilgesellschaft bewegen, hinein in die Sozialen Medien.

Natürlich ist Diskriminierung ein wahnsinnig komplexes Thema, Gruppenpsychologie und etliche weitere Faktoren spiele eine Rolle.

Ich glaube aber fest daran, dass wir alle ein intuitives Gespür für Diskriminierung haben, möge sich auch unser Gerechtigkeitsgefühl an unseren eigenen Bedürfnissen definieren. 

Für mich ist Gerechtigkeit eine Frage von Authentizität. Mein Großonkel hat das gewusst. Er hat es am eigenen Leibe erfahren. Hören wir auf, die Augen zu verschließen vor denjenigen, die wir leiden lassen, weil sie nicht dieselben Privilegien wie wir erfahren. Gestehen wir uns ein, dass wir ebenso privilegiert sind, wie wir selbst Leiderfahrungen und Benachteiligungen erleben. 

Vielleicht können wir dann die Empathie aufbringen, um Authentizität zu erlauben.

Von Mandy Lüssenhop

Dieser Beitrag entstand im Zuge eines kleinen Selbstexperiments, während dem ich mich im Kolumnen-Schreiben übte. Die Kolumnen schickte ich über einen Mailverteiler zunächst an Freunde und Familie, um ausgewählte Exemplare nun zu veröffentlichen.

Bildquelle: Eigene Aufnahme

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