Gedankenlesen-Kolumne #6 – Über das Coolsein

Willst du mal Gedanken lesen?

Geben wir es zu, alle gemeinsam: Wir alle würden manchmal gern wissen, was andere so denken. Denken tue ich viel. Schreiben auch. So lasse ich dich gern in meine Gedankenwelt eintauchen, in der Abhandlungen über soziale und kulturelle Fragen keine Seltenheit sind.

Über das Coolsein

Letztens ist mir aufgefallen, dass ich uncool bin. 

Ich saß in einem wuseligen, hippen Café, selbstgebastelte Menü-Karten, Glasstrohhalme und alte 1960er Limonadengläser, laute Techno-Musik schallte aus den Lautsprechern, die Gruppe am Nachbartisch brüllte sich an. 

Irgendwie kam mir flüchtig der Gedanke, fehl am Platz zu sein.

Erster Hinweis: Ich war allein. Zweiter Hinweis: Die Gruppe am Nachbartisch sprach darüber, dass sich der entspreche Techno-Hit schon seit geraumer Zeit in den Charts hielt. Jetzt kommt der Hinweis: Ich kannte ihn nicht. Dritter Hinweis: Ich habe vorhin „hip“ gesagt. 

Auch als Erwachsener kann man hin und wieder resümieren, ob man (noch) cool ist. Ich hatte das bisher vermieden, leise ahnend, dass sich seit meiner Schulzeit etwas geändert hatte. So resümierte ich. Ich fing damit an, mich mir selbst vorzustellen. Aus genau der Situation, in der ich mich befand, ließen sich sicher Rückschlüsse auf meine Coolheit ziehen. 

Nun saß ich dort in diesem Café, mit meinem Drama von Sophokles und Freuds Ausführungen über die Sexualbedürfnisse des männliches „Es“ zu seiner eigenen Mutter. Ich trank „einfach nur einen Kaffee bitte, ehem, nein, nicht cold-brew white americono, einfach schwarz – oh – und warm bitte“, mich über den Preis im Stillen aufregend. 

Schnell überdachte ich meine Strategie.

Ich beobachte gern. Ich stelle mir dann häufig vor, wer diese Menschen wohl sein mögen, die ich da beobachte. Ich erfinde dann Geschichten. So kam es, dass ich dem hitzigen Gespräch jener besagten Gruppe meines Nachbartisches (bzw. vielmehr Nachbarsofas) lauschte. 

Ein junges Mädchen, die brauen, welligen Haare zu einem lockeren Dutt zusammengesteckt, berichtete von einer Serie auf Netflix, die bei ihren Gesprächspartnern (auch alle mit Dutt) scheinbar auf Anhieb ein wissendes Lächeln hervorrief. 

Vierter Hinweis: Ich kannte die Serie nicht. Fünfter Hinweis: Ich habe nicht einmal Netflix! 

Das Gespräch wendete sich. Eine der Schauspielerinnen hatte wohl eine beneidenswerte Figur und oben drauf noch einen tollen Modegeschmack. Hoffend, dass niemand wiederrum heimlich mich beobachtete, blinzelte ich leicht schielend an mir herunter, aufpassend, nicht als eingebildet wahrgenommen zu werden (wahrscheinlich sah ich eher aus wie ein Trottel). Ich befand meine Figur für toll. Ich bin gesund und leistungsfähig und finde durchaus einiges, das ich an mir recht ästhetisch finde. 

Dann kamen das Sixpack, die voluminösen Haare, die reine Babyhaut, die „thigh gap“, Versace und die Schlüsselbeine ins Gespräch. Ich war grundlegend verunsichert. Vor allem über die Frage, wie wohl Versace geschrieben wird. Gedankenverloren kratzte ich an einem Pickel und googelte. Ha! Dachte ich mir. Ich hätte es falsch geschrieben. 

Sechster Hinweis: Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann mir ein guter Modegeschmack komplimentiert wurde – dafür aber umso besser, wann ich das letzte Mal vollkommen enthusiastisch gebrauchte Kleidung mit Mama auf dem Flohmarkt ergattert hatte. 

Apropos Mama. Manchmal ziehe ich heimlich meine Mama als Maßstab für das Coolsein heran (Hinweis sieben). Mama weiß nicht nur immer, was gerade in den Charts läuft, sondern sie hat mit Sicherheit auch das Musikvideo dazu angesehen. Mama weiß nicht nur, was gerade in Mode ist, sondern auch, wie sie es so anziehen kann, dass es ihr individuell gut steht. Mama zuckt nicht nur nicht verkrampft zusammen, wenn jemand „Student“ statt „Studierende“ sagt, sie lacht zudem auch noch völlig befreit über Mario Barth. 

Achter Hinweis: Kennt noch jemand Mario Barth? 

In der Schule war ich cool. Kurzzeitig sogar mal so richtig cool. Mit „der Unterricht hält nur von der Pause ab“, modischen Exzessen, dem „Pro-Sieben Serienmittwoch“ und im Bus hinten sitzen. 

Was ist nur aus mir geworden, frage ich mich, den Kaffee übers Kinn plörrend, weil ich mich vor einem erneut ohrenzertrümmernden Techno-Beat erschrocken habe. 

Ich greife nach einem Papiertuch, das mehr aus Plastik zu bestehen scheint und recht steif ist. Während ich mir das Gesicht abwische (mittlerweile leider nicht mehr heimlich und von umstehenden Gästen belächelt), freue ich mich plötzlich. 

Denn ich trage kein Make-Up! Nichts verschmiert. Mich beachtet zwar keiner in meiner durch meine durchsichtigen Wimpern und meine nach Wärmekriterien ausgesuchten Kleidung bedingten Durchschnittlichkeit, aber immerhin kann ich folgenfrei Kaffee verkippen. 

Warum wollen überhaupt alle cool sein? Ich überlege, was ich neben meiner praktischen Kleidung noch cool am Uncoolsein finde. 

Ich muss mich seltener zur Teilnahme an langweiligen Gesprächen über Fingernägel oder über den total schicken Adventskranz an der Nachbarstür, den man unbedingt mal nachbasteln… zwingen. 

Natürlich muss ich Freitags nicht mehr nachsitzen und kann von meinen Noten prahlen – damit sollte man in der Schule nämlich vorsichtig sein, sonst wollen alle abschreiben. 

Ich kann jeden Monat 15 Euro für ein Fitnessstudio sparen und einfach nur spazieren gehen – als Versace-tragender Mensch unmöglich (einerseits wegen der Körpermaße, die ohne Fitnessstudio wohl nur schwer zu erreichen sind und andererseits wegen des natürlichen Drecks des Waldes.) Ich kann den Genitiv verwenden.

Ich muss mir auch nicht den ganzen Tag Sorgen um das Kalorienzählen oder vermaledeite Tinder-Dates machen, sondern kann meine psychische Sorgen-Kapazität getrost am fehlenden Weltfrieden aufbrauchen, kuschelnd mit meinem Freund, der mich liebt, nicht weil er mich so schön findet, sondern weil er mich mag (stillschweigend akzeptierend, dass meine gerissene Jogginghose nicht zu dem ausgebeulten XXL-Pulli und den Birkenstocks passt). 

Ich muss mich keinem Gruppenzwang hingeben und über antisemitische Witze lachen, wenn ich sie nicht lustig finde. Ich muss nicht „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ sagen.  

Fünf Mal am Tag darf ich Mama anrufen und ihr minutiös eine eingehende Analyse von „Warten auf Godot“ schildern. Fünf Mal am Tag darf ich Papa anrufen und ihm Fragen über Papierstau im Drucker oder die richtige Fürsorge für einen Bonsai stellen. (Tatsächlich war am wochenlang andauernden Problem des Papierstaus im Drucker ein kleiner Würfel schuld, den die beiden Kinder meines Mitbewohners dort listigerweise versteckt hatten).

Anstelle von Justin Bieber ist Michael Foucault mein Popstar und „Modern Family“ wird flugs mal ersetzt durch die Lektüre von „Theoretische Ausführungen über die Kultur und Methode im 19. Jahrhundert“.

Und wenn ich keine Oropacks gegen zu laute Techno-Mukke finde, kann ich das Café verlassen. Tschüssikowski (Hinweis zehn)!

Von Mandy Lüssenhop

Dieser Beitrag entstand im Zuge eines kleinen Selbstexperiments, während dem ich mich im Kolumnen-Schreiben übte. Die Kolumnen schickte ich über einen Mailverteiler zunächst an Freunde und Familie, um ausgewählte Exemplare nun zu veröffentlichen.

Bildquelle: Eigene Aufnahme

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