Gedankenlesen-Kolumne #4 – Über Arbeit

Über gesellschaftliche Konventionen und Arbeit

Letztens habe ich mit meinen Eltern telefoniert. Ich wollte ein bisschen Dampf ablassen, Denn ich neige dazu, mir zu viel aufzuhalsen. Meine Eltern vergleichen das dann oft damit, wie anstrengend „echte Arbeit“ sei. Was ist „echte“ Arbeit?

Ist das, was tue, keine Arbeit, wenn es mir Freude bereitet? Ist das, was ich tue, keine Arbeit, wenn es kein Geld einbringt?

Ich verstehe aber, was sie meinen, denn auch ich habe bereits die Bibliothek verlassen, um ein Praktikum beim Fernsehen zu machen. Ich weiß nicht so recht, ob das in ihre Definition von echter Arbeit passt, denn ich das Praktikum war wie üblich unbezahlt und noch dazu habe ich mir die Frechheit herausgenommen, während meiner Tätigkeit Spaß zu haben.

Allerdings gab es feste Uhrzeiten, zu denen ich in einem offiziellen Büro erscheinen musste und in einem hierarchischen Beziehungsverhältnis mir zugetragene Aufgaben bearbeitete. Ich denke, das trifft die Vorstellung von echter Arbeit einigermaßen.

Für das Praktikum bin ich vorübergehend nach New York gezogen. Jeden Morgen spazierte ich eine halbe Stunde zum Büro, jeden Abend spazierte ich zurück zu meiner Unterkunft. Anschließend besuchte ich allein oder mit meinen neuen Freundinnen Museen, Wohnzimmerkonzerte, die Oper, ging zum Yoga oder streifte einfach durch die Straßen, New York City ist schließlich nicht gerade der langweiligste Ort der Welt.

Ich finde es generell in Ordnung, allein zu Veranstaltungen zu gehen. Ich mache das gerne, auch mit Freunden. Neben dem Praktikum war das, wie meine Eltern ganz richtig andeuteten, manchmal ein bisschen anstrengend. Ich habe es trotzdem gemacht.

Anstrengend waren auch meine Beschäftigungen auf Handelsmessen, bei einem Hochzeitskatering, im Rechenzentrum der Universität oder in einer Dönerbude. Ich habe wirklich seltsame Jobs gemacht, um mir mein Studium zu finanzieren. Das war auch alles anstrengend. Ist also „echte“ Arbeit das, was anstrengend ist?

Anstrengend fand ich vor allem eins: Es hat mir keinen Spaß gemacht.

Ständig dachte ich an meine Bücher, an meine Freunde, an die Natur. An die wertvolle Zeit, in der ich mir lieber Wissen aneignen wollte. Ich glaube, meine Eltern denken das Studium bestehe aus genau dem: den ganzen Tag entspannt die Beine hochlegen, ein bisschen lesen, sich Wissen über interessante Themen aneignen und ansonsten viel Freizeit haben.

Freizeit.

Auch an dieser Stelle klaue ich das Gedankengut meines Onkels, der dieses Wort hasst wie die Pest: Was soll das, „freie“ Zeit? Kann Zeit gefangen genommen werden?

Früher gab es mal Bauern, die haben den ganzen Tag gearbeitet. Arbeit war ihr (Über)Leben. Dann kam die Industrialisierung, 14 Stunden am Tag stumpfe Fließbandarbeit. Als die Arbeitsbedingungen ein wenig humanisiert wurden und das kapitalistische Modell endlich mit ein wenig versprochenem Wohlstand einherging, etablierte sich wohl auch das Wort Freizeit. Es bedeutet, frei und autonom über seine Zeit verfügen zu können. Vielleicht steht es in der Tradition Kants, sich frei seines Verstandes bedienen zu können – so bedient man sich eben frei an Möglichkeiten, seine Zeit außerhalb der Lohnarbeit zu verbringen. Diese Möglichkeiten wurden dann mit den Jahren viefältiger.

Ich glaube, heute bieten sich durch die Digitalisierung Potentiale, um das Wort Freizeit unzeitgemäß werden zu lassen. Ich hoffe, zukünftig können viel mehr Menschen viel mehr Zeit damit verbringen, was ihnen Freude bereitet – und damit Grenzen zwischen Erwerbstätigkeit und eigenen Interessen verwischen. Im besten Falle interessiert und das, womit wir Geld verdienen, wirklich.

Ich habe das große Privileg, keine Freizeit zu haben. Ich brauche sie nicht: mich interessiert das, was ich tue, wirklich. Es gibt vieles, dem ich gern interessiert nachgehe und in allem sehe ich auch eine Notwendigkeit, wenn es beispielsweise um zu absolvierende Prüfungsleistungen, der Teilnahme an Demonstrationen, den Besuch von Schulklassen oder die Publikation von gründlich recherchierten Artikeln geht.

Da kommen einige Aufgaben zusammen, deren Zeitmanagement eine eigene Aufgabe für sich bildet. Obendrauf kommt auch sozialer Druck und Verantwortung. Manchmal habe ich Angst, ausversehen zu plagiieren, weil ich eine Quelle falsch zitiert habe. An anderen Stellen habe ich den Überblick über die Anforderungen verloren, die an mich gestellt werden. Das stresst mich dann, ich werde unkonzentriert und mache Fehler, deren Konsequenzen mir dann vorgeworfen werden.

Ich bin ein großer Fan vom Fehlermachen.

Nie habe ich mehr gelernt als aus den Erfahrungen meiner Fehler. Ich fürchte aber, meine Mitmenschen sehen das oft nicht so. Fehler müssen wieder geradegebogen werden. Extraarbeit in einer Leistungsgesellschaft, in der niemand Zeit dazu hat. Wäre freie Zeit für Extraarbeit Freizeit?

Ich habe auch nichts dagegen, wenn etwas mal länger dauert als geplant. Niemand kann in die Zukunft sehen, wieso probieren wir es ständig anhand von Fristen? Wenn ich eine qualitativ recherchierte Arbeit abgeben möchte, die sich einem Wahrheitsanspruch weitestgehend annähert, dann geht das nicht schnell-schnell. Die Alternative wäre eine Arbeit minderer Qualität abzugeben, deren eingeschränkte Perspektive womöglich einseitig ist. Das ergibt für mich keinen Sinn.

Das stresst mich besonders: Etwas tun zu müssen, wenn ich nicht dahinterstehe, worin ich keinen Sinn sehe. 

Für mich bedeutet Arbeit auch, sich in eine funktionale Mehrheitskultur zu fügen, die niemandem so ganz gerecht wird, weil sie ein Kompromiss ist und weil es besser eben gerade nicht funktioniert. Sie verlangt ein bisschen bis einiges von uns ab, wir fügen uns gemeinsamen Standards, um eine harmonische und funktionierende Gesellschaft zu gestalten und verlieren dafür ein bisschen Individualität und Selbstbestimmung. Die klassische Liberalismus-Debatte.

Die Wichtigkeit von Individualität und Gesellschaft schwankt übrigens erheblich zwischen verschiedenen Kulturräumen. Ich selbst fühle mich da zwiegespalten. Ich stimme mit vielen gemeinschaftlichen Vereinbarungen nicht überein und es fällt mir schwer, mich ihnen zu fügen. Das macht mich als funktionale Arbeitskraft natürlich ziemlich unnütz und unbeliebt obendrein.

Aus manchem darf ich mich jedoch frei herausnehmen, wir leben in einer diversen Gemeinschaft, in der es viele Nischen gibt. Make-up ist da ein gutes Beispiel, ich benutze es nicht (mehr), obwohl „Frauen das so machen“. Ich komme nicht mit den ganzen Plastikerzeugnissen klar, dass es viel Geld kostet, ein gekünsteltes Schönheitsideal aufrecht erhält und eigentlich fallen mir echt viele Aktivitäten ein, denen ich meine Zeit lieber widmen würde.

Außerdem: „Das macht man so“. Ich glaube, es gibt keine Aussage, die ich weniger sinnbehaftet finde, als diese. Ich muss immer erst wissen: Warum macht man das so?

Auch das macht mich als funktionale Arbeitskraft unnütz und unbeliebt. Gängige Praktiken zu hinterfragen hält den Betrieb auf und diffamiert jeden, der diese Tätigkeit bereits jahrzehntelang auf genau diese Art ausgeübt hat. Meine Mitmenschen tun mir manchmal leid, ich kann verstehen, dass das anstrengend ist.

Deswegen bin ich auch zwiegespalten, ich möchte in einer harmonischen Gesellschaft leben und vor allem will ich niemandem mit meinem Dasein auf den Geist gehen. Das ist ein ziemlich kontroverses Thema und ich verstehe, wenn ich an dieser Stelle mit meinen Gedanken anecke, das passiert mir öfter. Dafür habe ich nur noch keine Lösung gefunden. Ich bin sicher, sie wird mir eines Tages zufallen.

Jedenfalls finde ich es wichtig, seine Handlungen mit seinen Überzeugungen weitestgehend abzustimmen, um authentisch nach außen und nach innen mit sich selbst im Reinen zu sein. Manchmal kommt dabei heraus, dass man Dinge macht, die „man“ nicht „so macht“. Ich glaube, manchmal braucht es diese Ausbrecher in bestimmten Bereichen. Betonung: in bestimmten Bereichen. Denn sie unterscheiden das Vorbild vom Aussteiger. Letzterer stimmt meiner Erfahrung nach ganzheitlich nicht mit der sozialen Ordnung überein.

Ich glaube, meine Eltern wollen mit ihrer Definition von „echter Arbeit“ schlicht verhindern, dass ich den Weg des Aussteigers wähle. Sie sind sehr aufmerksam und kennen die Probleme, die aus meiner Weltsicht resultieren. Macht euch keine Sorgen, ich arbeite aus Interesse.   

Von Mandy Lüssenhop

Dieser Beitrag entstand im Zuge eines kleinen Selbstexperiments, während dem ich mich im Kolumnen-Schreiben übte. Die Kolumnen schickte ich über einen Mailverteiler zunächst an Freunde und Familie, um ausgewählte Exemplare nun zu veröffentlichen.

Bildquelle: Eigene Aufnahme

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