Gedankenlesen-Kolumne #3 – Über Einzelkinder

Willst du mal Gedanken lesen?

Geben wir es zu, alle gemeinsam: Wir alle würden manchmal gern wissen, was andere so denken. Denken tue ich viel. Schreiben auch. So lasse ich dich gern in meine Gedankenwelt eintauchen, in der Abhandlungen über soziale und kulturelle Fragen keine Seltenheit sind.

Darüber, Einzelkind zu sein und über meinen Bruder

Egoistisch, verwöhnt, selbstsüchtig, überbehütet, unsozial. Einzelkinder. Sie können weder teilen, noch haben sie Freunde. 

Ich bin weder bekannt für meinen Egozentrismus, noch für meine materiellen Ambitionen. Was also ist schief gelaufen mit mir?

Wie häufig habe ich gehört, dass ich ja gar nicht wie „das typische Einzelkind“ sei. Wie viele Einzelkinder muss jemand kennen, um „den Typus Einzelkind“ bestimmen zu können? 

Sofern es Einzelkindern nicht an einem offensichtlichen äußeren Merkmal anzuerkennen ist, frage ich mich ohnehin, wie leicht sich Rückschlüsse auf das „typische Einzelkind“ schließen lassen. 

Ich möchte positiv darüber nachdenken, ein Einzelkind zu sein. Was bleibt mir auch anderes übrig, ich habe weder eine Zeitmaschine, noch könnte ich (selbst wenn ich eine hätte) in die Entscheidung meiner Eltern intervenieren, ohne, dass es komisch würde. Oder wie würdest du das anstellen? Kurz mal zu den Eltern ins Bett hüpfen und fragen, ob sie nicht gerade zufällig…lassen wir das. (!!!)

Positiv ist: Meine Eltern brachten mir viel Aufmerksamkeit und Geduld entgegen. 

Ich erinnere mich an stundenlange Spieleskapaden, in denen mein Papa mit mir Schlösser aus Playmobil gestaltet hat. Aus einem Sägebock haben wir zusammen ein Pferd gebaut und er hat sich stundenlang meine fantasierten Geschichten über berittene Entdeckungstouren angehört. 

Mama hat sich jedes selbst ausgedachte Theaterstück angesehen, das ich mit meiner Freundin aufgeführt habe (egal, wie überdreht und schlecht es war). Ein Mal muss sie etwas gestresst gewesen sein, ich wollte partout nicht die einzig sinnvolle Reihenfolge anerkennen und lieber zuerst meine Zähne putzen und erst danach meinen Schokoriegel essen. Da rief sie: „Putz jetzt deine Schokolade und iss deine Zähne!“

Ich musste lachen. Sie musste lachen. Danach ging sie mir mit ins Badezimmer, wir putzten meine Zähne und sie erzählte mir die Geschichte von Karius und Baktus. Nie hatte ich das Gefühl, meine Erziehung stresse sie.

Meine Eltern achteten auch darauf, dass ich früh den Kontakt zu anderen Kindern aufbaute. Ich hatte immer viele Freundinnen und Freunde. Meine Eltern haben mich dann zu ihnen gefahren und nie mussten wir darum betteln, ob jemand bei mir übernachten durfte – es war selbstverständlich. 

Ich erinnere mich auch daran, mich beim Einkauf immer für eine Sache entscheiden zu müssen (dürfen), wenn ich zwei auf einmal haben wollte. Schnell bemerkte ich die Ursache dafür, denn wir hatten nie viel Geld, um uns/mich maßlos materiell zu verwöhnen. Diese Ursache bezog ich in meine Abwägungen mit ein. So lernte ich nicht nur mit Geld umzugehen, sondern auch, um über das bloße Wollen hinaus zu denken.

Vielfach vorgeworfen ist die fehlende Streitkompetenz und ja, vermutlich bin ich ein ungewöhnlicher Fall insofern, dass mir Streit vollständig abgeht. Dies bedeutet aber nicht, dass ich nie gestritten hätte. Oh ja, was gab es leidenschaftliche Auseinandersetzungen zwischen meinem jugendlichen Ich und meinem Vater. Doch dadurch, dass ich meist mit Autoritätspersonen stritt, lernte ich, meinen Streitpartner niemals respektlos zu behandeln oder gar körperlich zu werden (meine erste Rauferei hatte ich, als das „Rangeln“ durch Joko und Klaas für eine kurze Weile eine gewisse Beliebtheit erfuhr, einige können sich ggf. erinnern. Dabei lief mich ein ebenso enthusiastischer wie betrunkener Bekannter um, ich fiel auf den Kopf und hatte sehr heftige Kopfschmerzen. Seither dieser ersten und einzigen Erfahrung körperlicher Auseinandersetzung stehe ich diesem Konzept mindestens ambivalent gegenüber). 

Dankbarkeit für und Meinungsunterschiede mit Autoritätspersonen können zur gleichen Zeit existieren.

Kam ein Konflikt auf, setzten sich meine Eltern mit mir hin und führten ein Gespräch. Sie maßregelten mich, wenn ich nicht den richtigen Ton traf („So nicht, Fräulein!“). Ich lernte, meine Bedürfnisse nicht in Vorwürfen, sondern in Wünschen zu artikulieren und die Bedürfnisse Anderer anzuerkennen. Obwohl ich ihr einziges Kind bin, lehrten sie mich, dass sich die Welt nicht um mich dreht (und dies insbesondere physikalisch widerlegbar ist), sondern dass diese Welt aus vielen anderen Kindern mit Wünschen und Bedürfnissen besteht, die eine gleichwertige Berechtigung haben. Ich bin keinen Deut besser als jemand anderes.

Auch und vor allem lehrten sie mich, Rücksicht zu nehmen. Jeder, der sie kennt, schüttelt gerne mal den Kopf über ihre unkonventionellen Schlafenszeiten (am liebsten suchen sie um 7 Uhr Abends das Bett auf und stehen unergründlicher Weise um halb fünf Uhr morgens auf und nein, ich übertreibe wirklich nicht). Sie brachten mir bei, abends leise zu sein und sensibilisierten mich für die Bedürfnisse anderer.

Dadurch, dass ich ein Einzelkind bin, haben wir uns als Familienbund gegenseitig vieles ermöglicht, was mit mehreren Geschwistern in unserem Fall nicht so leicht möglich gewesen wäre. Die Berufstätigkeit meiner Mutter, mein Studium oder der Traum von einem idyllischen Landhaus meines Vaters beispielsweise.

Es sind vielmehr die Werte meiner Eltern und nicht die Anzahl ihrer Kinder, die meine Eigenschaften prägen. Da meine Eltern vieles für mich waren, sind und sein mussten, das ich möglicherweise auf ein Geschwisterkind übertragen hätte, verbindet uns ein enges, emotional vielfältiges Band aus Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Fürsorge.

Meine Beschreibungen sollen ausdrücklich keinem Geschwisterkind etwas absprechen. Ich bin der Meinung, dass es keine Spezifika für Einzelkinder oder Geschwisterkinder gibt, sondern Erziehung individuell ist. 

Dennoch, manchmal stelle ich mir vor, wie das wohl wäre. Geschwister haben.

In meiner Fantasie habe ich einen Bruder. Er ist älter oder jünger, das ist nicht wichtig. Wir wären gemeinsam draußen herum gelaufen und auf Entdeckungstouren gegangen. 

In unserer Jugend hätten wir uns gemeinsam gegen die Urlaube in Dänemark verbündet, denn „ausruhen“ wäre das letzte gewesen, das wir machen wollten. 

Einer von uns hätte alles bei den Eltern erkämpft, der andere hätte es dann leichter gehabt. Verpflichtet zu ewigem Dank hätte der Erstgeborene als Fahrdienst hergehalten (was mir kalte nächtliche Wartezeiten an Bushaltestellen erspart hätte). 

Er hätte mich – sofern er älter wäre – mit auf die ersten Partys geschmuggelt und ich hätte ihm meinen ersten Liebeskummer anvertraut. Als Junge hätte er mich trösten und mir sagen können, dass alles mit mir in Ordnung sei und Jungen auch nur nervös seien.

Es wäre schön, künftig jemanden zu haben, der mich schon seit immer kennt, mich vollkommen versteht. Jemand, auf dessen Wiedersehen an Weihnachten ich mich freue, der mir ein Vorbild ist und der mit mir Schicksalsschläge übersteht. Jemanden, den ich jederzeit anrufen kann. 

Obwohl also der eine Typus „Einzelkind“ kaum auszumachen ist, haben alle Einzelkinder genau eine unausweichliche Gemeinsamkeit: den Verzicht. Es sind die individuellen Werte unserer Eltern, die darüber entscheiden, ob wir egoistisch, verwöhnt, selbstsüchtig, überbehütet, unsozial werden oder nicht. Vor allem aber: Es sind unsere Eltern, die darüber entscheiden, ob wir  Einzelkind sind oder nicht. Ich fände es daher wirklich nett, keine Eigenschaften zugeschrieben zu bekommen, die auf nur ein Merkmal zurückzuführen sind, für das ich nichts kann. (Ich glaube, dieser Satz ließe sich eventuell auf noch weitere Fälle anwenden).  

Von Mandy Lüssenhop

Dieser Beitrag entstand im Zuge eines kleinen Selbstexperiments, während dem ich mich im Kolumnen-Schreiben übte. Die Kolumnen schickte ich über einen Mailverteiler zunächst an Freunde und Familie, um ausgewählte Exemplare nun zu veröffentlichen.

Bildquelle: Eigene Aufnahme

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