Gedankenlesen-Kolumne #2 – Über das Wesen der Dinge selbst

Willst du mal Gedanken lesen?

Geben wir es zu, alle gemeinsam: Wir alle würden manchmal gern wissen, was andere so denken. Denken tue ich viel. Schreiben auch. So lasse ich dich gern in meine Gedankenwelt eintauchen, in der Abhandlungen über soziale und kulturelle Fragen keine Seltenheit sind.

Über das Wesen der Dinge selbst

Kennst du das, wenn dich jemand fragt „Was ist eine Katze?“ und du – obwohl du natürlich ganz genau weißt, was eine Katze ist, in Erklärungsnot gerätst? 

Keine Angst, das ist ganz natürlich. Die Frage nach dem Wesen der Dinge selbst ist sogar eine ganze Wissenschaftsdisziplin, sie trägt den Namen Ontologie (den ich jedes Mal wieder aufs Neue nachschauen muss, wenn ich ihn irgendwo lese).

Vielleicht denkst du, schau doch fix im Duden nach einer Definition und spar dir die Mühe bei der Suche danach, was eine Katze denn nun ist. Doch sobald du diese Duden-Definition genauer anschaust, wirst du merken, wie unbefriedigend sie doch ist. So lässt sich eine Frage nach dem Wesen eines Dinges selbst endlos aus- und weiterspinnen.

Ich finde es spannend, hin und wieder zu hinterfragen, was etwas eigentlich ist. Es hilft mir, die Welt ein bisschen besser zu begreifen, eine Sprache für das zu finden, was mich berührt. 

Also hinterfragte ich etwas, von dem ich dachte, ich wüsste ganz genau, was es ist – schließlich bildet es jeden Tag meinen Lebensinhalt: Die Literatur. 

Bingo: Ich könnte beim besten Willen nicht knackig zusammenfassen, was Literatur sein soll. Was unterscheidet einen hochgelobten Prosatext, nehmen wir Tolstois Krieg und Frieden, von einem Rezept für Wackelpudding? Was ist das Wesensmerkmal von Literatur?

Die Frage danach, was die sog. Literazität (also eben jenen Unterschied zwischen Prosa und Todesanzeige) von einem Text ausmacht, lässt sich auf höchst unbefriedigende Weise gar nicht und gleichzeitig auf unendliche viele Weisen beantworten.

Der Rahmen jedenfalls ist offensichtlich nicht das ausschlaggebende Unterscheidungsmerkmal: Ein Gedichtband hat doch ebenso einen Buchrücken wie das Telefonbuch. Dass sich offenbar jeder etwas unter Literatur vorstellen kann, ohne diese genau definieren zu können – und dass diese Definitionsschwierigkeiten sich auf vieles übertragen lassen (wir erinnern uns an die Katze) legt eine Vermutung nahe: 

Was ist, wenn es nicht darauf ankommt, was sich ein einzelner Mensch unter Literatur vorstellt? Sondern darauf, worin sich eine ganze Gesellschaft geeinigt hat, was sie unter Literatur versteht? 

Was also die Konvention über den Begriff Literatur ist, der uns intuitiv glauben lässt, dass wir alle das Selbe unter dem Begriff verstehen und uns problemlos darüber unterhalten können – wir sparen uns dadurch täglich immens viel Zeit. 

Stellen wir uns beispielsweise einen Philosophen als Barista vor. Wir wollen einen Kaffee bestellen. „Ich hätte gerne einen Kaffee, schwarz.“ Doch müssen wir vorher erst einmal die Frage beantworten, was ein Kaffee überhaupt sein soll. Und was ist überhaupt Ich? Und sollten wir uns nicht von dem Leid des Wollens befreien? Und ist das Wort schwarz im Kontext zum Kaffee politisch inkorrekt? 

Wir haben uns also hilfreiche sprachliche Konventionen angeeignet. Doch auch sie können uns wenig darüber sagen, was Literatur denn nun eigentlich ist. Denn auch Konventionen unterliegen dem Wandel.

Es lassen sich zahlreiche Unterschiede darin feststellen, wie eine Gesellschaft mit Literatur umgegangen ist. Platon beispielsweise wollte alle Dichter verbannen, weil sie bloß Schaden anrichten würden. 

Vor der deutschen Frühromantik galt die Interpretation von Texten beispielsweise allein sprachlichen Aspekten, während heute vielmehr nach der Intention des Autors und dem gesellschaftlichen Kontext des Werkes gefragt wird. Auch zwischen verschiedenen Kulturen finden sich verschiedene Vorstellungen davon, was Literatur ist und was sie leistet.

Jeder Autor ist eingebettet in das, was er im Leben gelernt und erfahren hat. Er ist auch eingebettet in bestimmte gesellschaftliche Strukturen, ihren Wissensstand, ihre politischen Möglichkeiten, ihren wirtschaftlichen Wohlstand. All dies fließt indirekt in einen Text ein. Man nennt das „Intertextualität“.

Ich habe mal darauf geachtet und kam zu der Erkenntnis, dass sich Intertextualität sich vieles übertragen lässt. Ich habe sogar meinen Dozenten danach gefragt.So ist beispielsweise der Sinn der Wissenschaft jener, Wissen immer wieder zu hinterfragen, zu verwerfen, auf vorhandenen Erkenntnissen aufzubauen. 

Max Weber hat in seinem Vortrag (heute als Reclam abgedruckt) Wissenschaft als Beruf schon darauf hingewiesen, dass sich der Wissenschaftler bewusst sein muss, dass seine Forschungsergebnisse nie von Dauer sein werden. Es werde schon bald jemand kommen, der alles wiederlegen wird. Alles, mit dem der Wissenschaftler sich jahrelang befasst hat! Ein Wissenschaftler braucht also vor allem immer auch einen guten Psychotherapeuten.

Sinnvoll erscheint es mir also weniger nach bestimmten Merkmalen der Literatur zu fragen und vielmehr wieder einmal mein Lieblingsfragewort einfließen zu lassen: Warum?

Warum ist Literatur wichtig? 

Wir könnten nach ihrer Funktion fragen. Was bedeutet Literatur für mich, was bedeutet sie für eine Gesellschaft? Aber wo fangen wir da nur an? 

Hast du einen Lieblingsroman? Stelle ihn dir bitte vor, rufe dir seine Handlung ins Gedächtnis. Wer ist der Protagonist? Kannst du dich mit ihr oder ihm identifizieren? Wann lebte diese Person? Was hat dich diese Person gelehrt? 

Stelle – dir – vor. Vorstellen. Das ist, was Literatur tut. Sie trägt unsere Fähigkeit zutage, Vorstellungskraft zu entwickeln. Wir können uns in fremde Situationen, in fremde Köpfe hineindenken, wir entwickeln eine spezielle Form von Erfahrungswissen und Empathie. 

Literatur fördert unsere Menschlichkeit.

Das tut sie, indem sie uns ermutigt, komplexe Sachverhalte ohne Vorurteile anzugehen, unser Denken auf ethische Fragen lenkt, die Verhaltensweisen der Protagonisten zu durchleuchten (und sie auf uns selbst zu beziehen). Sie fördert gleichzeitig Distanznahme und Feingefühl und sie gewährt uns eindringliche Einblicke in die Lebenswelt von Menschen aus anderen Lebensbereichen.

Dabei geht sie äußerst subtil vor. Exemplarität zeigt Allgemeingültiges auf. Was bedeutet das? 

Ein fiktiver Charakter ist meist eingebettet in gesellschaftliche Umstände, die in der Literatur nicht sachlich und explizit als solche genannt werden. Vielmehr umtreiben sie den fiktionalen Charakter, den wir auf dessen Reise begleiten. 

Ein Gedicht befasst sich mit einem Thema und die Sichtweise auf dieses Thema ist möglicherweise abhängig von oder bezieht sich auf die gesellschaftliche Konvention zu diesem Thema. 

Hier haben wir wieder den Begriff der Intertextualität. Dabei kann Literatur aber auch eine ganz aktive gesellschaftliche Rolle einnehmen – wir erinnern uns an Platon. Er wollte den Dichter aus seinem idealen Staat verbannen, weil er ihm zumutete, gesellschaftliche Missverhältnisse zu demaskieren und somit Benachteiligte zum Widerspruch zu mobilisieren. 

Literatur kann aber auch gesellschaftliche Verhältnisse legitimieren (wie es beispielsweise durch die Zensur vieler Werke während des Nationalsozialismus geschah, indem lediglich Werke erlaubt waren, welche der staatlichen Ideologie entsprachen und sie somit legitimierte) oder Vorurteile manifestieren (indem beispielsweise der teetrinkende Engländer oder der arabische Attentäter immer und immer wieder aufgegriffen werden).

Das bedeutet auch, dass wir verantwortungsvoll mit der Literatur umgehen müssen. Sie drängt danach, uns eingehender und auch kritisch mit ihr zu befassen, sie fordert eine besondere Aufmerksamkeit von uns. 

Literatur ist die Möglichkeit, alles zu sagen, sich alles vorzustellen, über alles bislang Gedachte hinauszugehen, unseren Horizont zu erweitern, aus Sinn Unsinn zu produzieren und umgekehrt, uns zu verzaubern und zu belehren. Sie macht uns zu liebevolleren, empathischeren und einfühlsameren Wesen.

Dies zumindest macht das Wesen der Literatur für mich aus. Für dich mag sie etwas ganz anderes sein. Denn manch ein Begriff lässt sich nicht so einfach definieren.

Von Mandy Lüssenhop

Dieser Beitrag entstand im Zuge eines kleinen Selbstexperiments, während dem ich mich im Kolumnen-Schreiben übte. Die Kolumnen schickte ich über einen Mailverteiler zunächst an Freunde und Familie, um ausgewählte Exemplare nun zu veröffentlichen.

Bildquelle: Eigene Aufnahme

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