Vergewaltigungen als systematische Kriegswaffe

Sexuelle Gewalt verletzt als vorsätzliche und systematische Kriegsstrategie auf widerwärtige Weise die Menschenwürde. 

Entsetzliches Grauen. Es geschehen Dinge, die unbegreiflich sind, für die es keine Worte gibt, die unerträglich sind. Häufig wird mit Hilfe von Daten und Fakten über diese Ereignisse berichtet, was derartige Menschenrechtsverletzungen versachlicht. Dadurch werden sie vielleicht nur noch unbegreiflicher. Doch es gibt Forschende, die Interviews mit Betroffenen und Täter*innen führen und so ebenfalls Tatsachen aufdecken: jene der Grausamkeit. 

„Wenn sie Dir gesagt haben, Du bist die schönste Frau der Welt, dann war das eine Katastrophe. Sie haben Dich an ein Kreuz gebunden, mitten in einer Menschenmenge. Den Kopf nach unten, die Beine gespreizt. Und dann haben sie Dich in dieser Position vergewaltigt. Die Menge hat sie angefeuert und ist um Dich herumgetanzt.“ – Demokratische Republik Kongo, 2001.

„Ich wurde an einem Tag 37 Mal vergewaltigt. Ich sah, wie sie anderen Frauen die Pistole an  den Kopf hielten, sie mit ihren Gewehren schlugen. Greisinnen und Kinder wurden ebenso vergewaltigt wie Männer. Sie scheuten sich nicht, es vor Kindern, Ehemännern oder anderen Familienmitgliedern zu tun.“ – im von russischen Truppen besetzten Berlin, 1945.

„Meine Familie musste alles mit ansehen. Ich selbst bin nach dem 15. Mal bewusstlos geworden. Sie sagen, ich sei insgesamt 128 Mal missbraucht wurden.“ – Freudenstadt, 1940.

„Bei der Vergewaltigung hat ein Kind geschrien. Sie empfanden es als störend. Sie warfen es einfach aus dem Fenster.“ – Tschechien, 1945.

 „Ich war 11. Ich flehte meine Mutter an, mich tot zu würgen, als die Soldaten mich erneut holten. Mein Vater rief »Das ist doch noch ein Kind« Sie erschossen ihn vor meinen Augen. Sie zerrten meine Schwestern unter dem Sofa hervor. Als ich blutüberströmt zurückkehrte, sah ich meine Mutter auf dem Boden liegen, erschossen.“ – Deutschland, 1945.

„Ich musste es als Kind mitansehen. Ich wusste nicht, wie ich es verarbeiten sollte. Im Spiel habe ich mich auf ein Mädchen geworfen und das Erlebte nachgespielt.“ – Unbekannt.

„Ich nehme jetzt Tabletten gegen die Depression, gegen die Schmerzen, damit ich schlafen kann. Manchmal muss ich mich zwingen, nicht alle auf einmal zu nehmen.“ – Bosnien, 2013.

„Ich wurde vor den Augen meines Mannes vergewaltigt. Am nächsten Morgen war mein Mann weg und die Soldaten brachten elf andere junge Frauen ins Haus. Jeden Tag kamen Männer und vergewaltigten uns. Sie haben uns mit Flaschen penetriert. Sie haben uns die Brüste zerschnitten. Sie haben die Hand meiner Tochter auf die heiße Herdplatte gelegt, weil sie schrie. Da bin ich in eine Art Koma gefallen. Ich war total apathisch, mir hat nichts mehr etwas ausgemacht.“ – Serbien 1992.

„Ich habe Frauen behandelt, die vernichtet waren. Denen nach der Vergewaltigung, um sie zu foltern, in die Vagina geschossen wurde. Frauen, denen Bajonette in den Unterleib gestoßen, deren Genitalien verbrannt wurden.“ – Demokratische Republik Kongo, 2017.

 „Ich war für vier Monate in Haft. Sie haben mich und die anderen Männer anal mit Stöcken und Flaschen vergewaltigt. Ich habe noch Schmerzen beim Sitzen. Ich floh ins Nachbarland, aber ich konnte dort keine Sicherheit finden. Ich bin homosexuell, sie belästigten mich.“ – Syrien, 2017.

„Es ist wahr, dass wir dort Leute vergewaltigt haben. Sie konnten nicht entkommen. Du siehst eine Frau, fängst sie, nimmst sie mit und machst mit ihr, was Du willst. Manchmal bringst Du sie um, wenn Du fertig bist. Und dann tötest Du ihr Kind. Du vergewaltigst und machst weiter wie immer.“ – Minova, 2013.

 „Das ist eben so, beim Einmarsch gehört das dazu. Ein Mann kann das verstehen.“ – Tübingen, 1945.

„Ich allein habe 53 Frauen vergewaltigt.“ – Ostkongo, 2013.

Keine sachliche Erfassung der komplexen Situation möglich

Die Zitate sind anonymisiert. Sie wurden dem Artikel vorangestellt als Versuch, das Grauen einer Vergewaltigung zu erfassen. Warum wird Vergewaltigung in Kriegen als vorsätzliche und systematische Methode der Kriegsführung genutzt? Wie kann sexuelle Gewalt als systematische Kriegsstrategie vermieden werden?

Kriegsvergewaltigung lässt sich nicht verallgemeinern, sondern hängt maßgeblich von der individuellen Kriegsdynamik ab: wer wen vergewaltigt, aus welchem Grund, auf welche Art, wo und wann. Die geschilderten Taten aus den Zitaten wurden verübt – überall auf dieser Welt, zu unterschiedlichster Zeit. Bosnien und Herzegowina. Ruanda. Deutschland. Ungarn. Guatemala. Peru. Tschechien. Sierra Leone. Peru. Syrien. Polen. Die demokratische Republik Kongo. Österreich. Erster Weltkrieg. Kreuzzüge im Mittelalter. Zweiter Weltkrieg. Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg. 

„Vergewaltigt wird in Kriegszeiten immer und überall, unabhängig von Nationalität und geographischer Lage“, schreibt die Journalistin und Aktivistin Susan Brownmiller. Weil die weitaus meisten Opfer jedoch schweigen, meistens aus Scham oder um ihre Erlebnisse so schnell wie möglich zu verdrängen, ist völlig unklar, wie viele Frauen, Männer, Mädchen und Jungen tatsächlich sexuelle Gewalt erlebt haben. Es gibt schlicht keine verlässliche Datengrundlage, die hochgerechnet werden könnte. 

Die Datenlage über Personen – Täter*innen sowie Betroffene – ist divers. Sie sind sowohl weiblich als auch männlich; ebenso können sie staatlichen Militärkräften oder sogar UN-Friedenstruppen angehören. Die Regensburger Militärsoziologin Ruth Seifert hat Betroffene befragt und herausgefunden, dass sie „die Tat meist als extreme und demütigende Form der Gewaltausübung gegen ihre Person und ihren Körper empfinden, die mit starken Todesängsten verbunden ist.“

In der Folge der Vergewaltigung können die Betroffenen an ihren Verletzungen sterben. Einige begehen aufgrund der psychologischen Belastung Selbstmord. Die häufigsten Symptome sind Ess-, Angst- und Schlafstörungen, Waschzwang, Ekel vor Sexualität, Aggressivität, Reizbarkeit oder Depressionen. Viele haben chronische Unterleibsschmerzen oder sind wegen nicht behandelter Verletzungen und Infektionen unfruchtbar. Wenn sie physisch noch in der Lage sind, Kinder zu bekommen, haben sie meist den Wunsch dazu verloren. Einigen Betroffenen wurde von der Dorfgemeinschaft oder den eigenen Ehepartnern vorgeworfen, selbst an der Vergewaltigung schuld zu sein.

Bildquelle: Twitter

Vergewaltigung als systematische Waffe

Doch warum – warum greifen Täter und Kriegstreibende zu diesem abscheulichen Mittel der Gewaltausübung? Wie können sie dazu nur in der Lage sein?

Die Forschung zu den Motiven der Täter*innen ist noch unzureichend. Die gängige These, dass der in Kämpfen triebentfesselte Mann sich sexuell abreagieren muss, brach schnell zusammen, zumal auch Frauen sexuelle Gewalt verüben. Vielmehr sei es „wie eine Strategie des Kriegs, das wird wie eine Waffe benutzt“, so die kanadische Wissenschaftlerin Elvan Isikozlu des Bonner Internationalen Zentrums für Konversion. „Vergewaltigung ist kein isoliertes Ereignis. Es ist geplant, gut geplant und ausgeführt. Und es ist nicht die Befriedigung sexueller Bedürfnisse von Soldaten. Es ist sexueller Ausdruck von Aggression.“ 
Unterschieden werden muss zwischen zwei Begriffen: Dem Begriff der „sexuellen Gewalt“, das den direkten sexuellen Übergriff wie die Vergewaltigung beschreibt, sowie jenem der „sexualisierten Gewalt“, der etwas weiter gefasst ist und diese Form von Gewalt nicht als das Ausleben sexueller Bedürfnisse deutet, sondern als Ausübung von Macht interpretiert. Da dieser Artikel die Tat der Vergewaltigung in den Mittelpunkt stellt, wird der Begriff der „sexuellen Gewalt“ verwendet, allerdings ohne die Begriffsbedeutung der „sexualisierten Gewalt“ auszuschließen.

„In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt.“ Das ist falsch. Der Krieg ist einem immensen Regelwerk sowie festen Konventionen über Handlungspraktiken unterworfen. Dies wurde auch in der Forschung erkannt, die sexuelle Gewalt im Krieg als angeordnete, systematische Kriegsstrategie untersucht. Vergewaltigung wird bewusst als Kriegswaffe eingesetzt, um der Zivilbevölkerung zu schaden. So berichtet die Psychiaterin Amra Delic: „Meine Patientinnen bestätigen, dass die Taten systematisch passierten und oft angeordnet wurden. Es ist bekannt, dass viele Vergewaltigungen Massenvergewaltigungen waren, öffentlich, auf der Straße, in Nachbarschaften, wo die Nachbarn, die Familie, der Ehemann, die Verwandten sehen konnten, wie eine Frau vergewaltigt wurde. Der Report [den die Psychiaterin erstellt hat] besagt, die Strategie diene dazu, in der ethnischen Gruppe Angst zu verbreiten, damit sie flüchtet. Vergewaltigung als Werkzeug für ethnische Säuberung.“ 

Bei Vergewaltigungen im Krieg sind häufig die Frauen Zielscheibe, da sie als Grundstein des familiären und kommunalen Zusammenhalts gelten. Die psychologische Taktik dahinter: Schadet man der Frau, schadet man der gesamten Gesellschaft. Diese gesamtgesellschaftliche Destabilisierung ist Ziel des militärischen Konfliktes, der nur Gewinner oder Verlierer kennt. Zudem gibt es Berichte darüber, dass auch Kinder bei den Vergewaltigungen zusehen mussten, um ihnen zu vermitteln: Ihr könnt nie wieder in dieses Gebiet zurückkommen.

Offizielle Befehle, sexuelle Gewalt auszuüben, gab es dabei nicht immer oder sie sind nicht nachweisbar. Im Gegenteil sind sogar eindeutige Verbote durch hochrangige Militärs verschiedener Einheiten bekannt. Trotz aller Verbote war sexuelle Gewalt dennoch gängige Praxis. Eine Praxis, die sogar im Nachhinein von Verantwortlichen entschuldigt wird. So sagte ein Offizier aus: „Das Leben unter völlig veränderten Bedingungen, starke seelische Eindrücke und zuweilen auch übermäßiger Alkoholgenuss führen zu gelegentlichem Wegfall von sonst vorhandenen Hemmungen bei bisher bewährten und einwandfreien Soldaten.“

Andere oft zu findende Erklärungen begründen Vergewaltigungen mit Gruppenzwang. Tobias Hecker, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Psychiatrie in Konstanz, hat mehr als 100 Täter*innen befragt. Dabei seien diese Gruppenvergewaltigungen von allen Befragten als unangenehm bis ekelhaft beschrieben worden. Hecker‘s Fazit: „Die Angst, das Gesicht zu verlieren, ist die Hauptmotivation, so brutal vorzugehen.“ 

Hilfe! Hilfe?

Faktisch gibt es auf politischer und zivilgesellschaftlicher Ebene einige Institutionen, die Hilfe leisten. So erkennt die UN-Resolution 1820 vom Juni 2008 jegliche sexuelle Gewalt als Methode zur Kriegsführung gegen Zivilpersonen erstmals an und fordert zu einem sofortigen Stopp dieser Praxis auf. Auch wird hier sexuelle Gewalt explizit als „Kriegswaffe“ beschrieben und aus diesem Grund international geächtet. 

Die Strafverfolgung ist ein wichtiger Bestandteil der Hilfeleistung, doch diese kann immer nur im Nachhinein erfolgen. So erklärte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Vergewaltigung im Krieg zwar zur Kriegstaktik und zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit; doch Täter*innen bleiben weiterhin in großer Zahl straflos, Offiziere so gut wie immer.

Eine häufig angewandte Strategie von zivilgesellschaftlichen Organisationen ist, Täter*innen sexueller Gewalt in prominenten internationalen Foren wie den Vereinten Nationen namentlich an den Pranger zu stellen. Solch öffentlichkeitswirksame Methoden machen es den betroffenen Staaten, für deren Militär sie in der Verantwortung stehen, sehr schwer, die Anschuldigungen zu ignorieren. Diese Strategie berücksichtigt allerdings keine nicht-staatlichen, bewaffneten Akteur*innen wie Paramilitärs.

Sexuelle Gewalt im Krieg kann verhindert werden

Es wird schnell deutlich: Wirkliche Hilfe kann nur geleistet werden, indem sexuelle Gewalt in kriegerischen Gewaltkonflikten verhindert wird. Doch wie?

Dies hängt stark davon ab, inwiefern lokale Kontexte bei der Präventionsarbeit von Friedensarbeiterinnern und Friedensarbeitern berücksichtigt werden. Ein Verständnis der Kriegsdynamiken, möglicher Wechselwirkungen und vor allem des sozialen Kontextes müssen in die präventive Aufklärungsarbeit, beispielsweise im Militär, einfließen. Zum sozialen Kontext gehören u.a. die legalen und kulturellen Normen (gesellschaftlich anerkannte Handlungsregeln), Praktiken, Haltungen und Anschauungen zu Vergewaltigung aber auch Sexualität, Männlichkeit und Geschlechterrollen. Eine weitere notwendige Maßnahme sind Bildung und Aufklärung. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Es bedarf einer Änderung unserer Normen, Sichtweisen und Verhaltenseinstellungen. Es beginnt damit, wie Frauen, Männer, ja Menschen wahrgenommen werden. 

Diesbezüglich ist mehr Forschung notwendig. Forschung, die sich auch mit den Täter*innen befasst. Bis zu welchem Grad Militärs bereitwillige Vergewaltiger*innen sind, ist ebenso unbekannt, wie die psychologischen Folgen ihrer Tat für sie selbst. Diese Aspekte zu verstehen kann wichtige Auswirkungen darauf haben, wie diese Form der Gewalt in Zukunft zu stoppen und zu verhindern ist.

Außerdem braucht es Vorbilder, die uns lehren, dass die Einhaltung von Menschenrechten kein nie zu erreichendes Ideal ist. Die uns zeigen, dass alles möglich ist, dass wir nicht aufhören dürfen, uns ihre Realisierung vorzustellen und fest an sie zu glauben. Denis Mukwege und Nadia Murad, beide mit dem Friedensnobelpreis des Jahres 2018 ausgezeichnet, haben sehr viel getan, um das Auftreten von sexueller Gewalt bei bewaffneten Konflikten ins öffentliche Bewusstsein einzuprägen. Nadia Murad hat als Jesidin sexuelle Sklaverei durch den sogenannten Islamischen Staat im Irak überlebt, Denis Mukwege widmet als Arzt in der Demokratischen Republik Kongo sein Leben den Betroffenen von sexueller Gewalt. 

Die in der Demokratischen Republik Kongo eingesetzte Sonderberaterin für sexuelle Gewalt, Jeanine Mabunda, hält es nicht für idealistisch, sondern für notwendig, wenn sie sagt: „Damit die Gewalt gestoppt werden kann, fordern wir zwei Dinge: Frieden und Gerechtigkeit.“

Mandy Lüssenhop

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift „Anklagen“ in der Ausgabe Sommer 2019 der Tübinger Redaktionsgruppe von Amnesty International (klicke hier um direkt zur kostenlosen PDF-Online-Ausgabe zu gelangen). 

Bildquelle Titelbild: ullstein bild


ANKLAGEN im Internet:
Online-Ausgabe: http://www.anklagen.de
E-Mail: info@anklagen.de
Sie finden das Amnesty-Büro in der
Wilhelmstr. 105 (im Glasanbau, Untergeschoss)
72074 Tübingen
Internet: http://www.ai-tuebingen.de

Beratungstermine für Interessenten:
donnerstags um 20 Uhr (während des Semesters)
Es kann auch per E-Mail ein Termin vereinbart werden:
hsg@ai-tuebingen.de

2 Kommentare zu „Vergewaltigungen als systematische Kriegswaffe

  1. Die Geschichten aus dem Jugoslawienkrieg kenne ich ebenfalls und sie haben mich zutiefst erschüttert. Ich kann nicht ansatzweise den Schmerz fühlen, der in so einem Moment passiert. Meiner Meinung nach verdient kein Vergewaltiger eine zweite Chance. Und einer, der in Kriegen vergewaltigt sowieso nicht. Solche Menschen gehören in meinen Augen liquidiert!

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