Kein unsichtbares Zeichen setzen

Der „Bürgermeister für den Frieden“ Flaggentag 2019 in Stuttgart. Ein Erfahrungsbericht

„Mandy, Mandy!“, ruft Wolfgang von der Friedenswerkstatt Mutlangen mit seiner eindringlichen und motivierten Stimme in den Telefonhörer. „Der Bürgermeister für den Frieden-Flaggentag steht an. Bitte, ich wollte dich fragen: Möchtest du nicht die Flagge mit dem Stuttgarter Bürgermeister vom Rathausbalkon herunterlassen?“

Aber auf alle Fälle nehme ich das Angebot der Friedenswerkstatt Mutlangen an, denn die von den Überlebenden der Atombomben-Anschläge auf Hiroshima und Nagasaaki (Hibakusha, ausgesprochen Hibakscha) gegründete Nichtregierungsorganisation Bürgermeister für den Frieden ist eine wichtige Initiative, die ich gerne unterstützen möchte. Ich möchte vor allem diejenigen unterstützen, welche sich bereits bei Bürgermeister für den Friedenengagieren: Bürgermeister, Friedensaktivisten, fast 8000 Städte aus 163 Ländern. Sie alle stehen hinter dem Apell: Weg mit den Atomwaffen. Wir sprechen uns für den Frieden aus.

Der 24 Juni 1982 ist heiß, doch in den tiefen Räumen der Gremien des Hauptquartiers der Vereinten Nationen ist es angenehm kühl. Hitzig ging es wohl dennoch zu an diesem Morgen: Hiroshimas Bürgermeister Takeshi Araki fordert leidenschaftlich alle Bürgermeister weltweit auf, sich zu solidarisieren, nationale Grenzen zu überschreiten und gemeinsam Druck auszuüben, damit die Atomwaffen endlich verboten werden! Ich stelle ihn mir vor, wie er seine Arme einladend in die Kameras richtet, mit entschlossenem Blick den anwesenden Delegierten direkt in die Augen blick. Gemeinsam mit der Stadt Nagasaki gründete er „Die Weltkonferenz der Bürgermeister für den Frieden durch inter-städtische Solidarität“, später verkürzt: Bürgermeister für den Frieden. Weniger als zehn Jahre nach diesem heißen Julitag, 1991 – ich bin nicht einmal geboren – registriert sich die Organisation offiziell als Nichtregierungsorganisation beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC). Ihr Ziel: Das absolute Verbot von Atomwaffen.

An dieses Ziel erinnern die Mitglieder der Bürgermeister für den Frieden und all ihre Unterstützer einmal in jedem Jahr. Für eine atomwaffenfreie Welt wird die Flagge der Initiative gehisst. Dafür wurde der 8. Juli ausgewählt, denn an diesem Tag im Jahr 1996 hat der Internationale Gerichtshof im Auftrag der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen: Die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen ist völkerrechtswidrig! 

So stehe ich an diesem historischen Datum im Jahr 2019 vor dem Stuttgarter Rathaus, bereit, eine Flagge für den Frieden zu hissen. Wolfgang steht bereits winkend vor dem Eingang, gemeinsam betreten wir das Rathaus und erkunden das kleine Hiroshima-Ginkgo-Bäumchen auf dem Dachgarten. Den Setzling erhielt die Stadt Stuttgart drei Jahre zuvor, ebenfalls zum Flaggentag der Bürgermeister für den Frieden. Er stammt von einem Baum in Hiroshima, der den Atombombenabwurf überlebt hat. 

Dann ist es soweit. Wir versammeln uns erneut vor dem Rathaus, mittlerweile sind einige Friedensaktivisten von (WOLFGANG: BITTE EINFÜGEN) gekommen, die mich freundlich händeschüttelnd begrüßen. Gemeinsam stellen wir eine Attrappe einer Atombombe auf, sie hat Originalgröße und soll zeigen: Die Gefahr durch Atomwaffen ist ganz real – auch, wenn sie uns im Alltag ganz fern zu sein scheint. Denn genau dieses Modell soll in Büchel an der Eifel stationiert werden – neben den ohnehin dort bereits stationierten Atomwaffen.

In einem kleinen Anflug von allgemeiner Aufgeregtheit erscheint Peter Pätzold, Bürgermeister für Städtebau und Wohnen in Vertretung von Werner Wölfle, dem Bürgermeister für Soziales und gesellschaftliche Integration, der verhindert ist. Pätzold hat ein offenes Gemüt, eine kleine Löwenmähne und ein großes Lächeln im Gesicht. Zuerst wird ihm ein Dokument überreicht, es ist die Petition zur Unterzeichnung des Städteappells von ICAN, welches er verspricht, in den neuen Gemeinderat zur Unterzeichnung zu tragen. Stuttgart soll eine Stadt sein, welche die Existenz von Atomwaffen nicht unterstützt. Die sich gegen diese Massenvernichtungswaffe ausspricht. 

Doch nachdem er uns begrüßt hat, schwindet sein Lächeln, er wird ernst. Die Atomwaffe ist die größte globale Bedrohung, sagte er – und die Hoffnung auf eine sukzessive Abschaffung der Waffenarsenale sei in den letzten zwei Jahren nicht unbedingt größer geworden. Ich denke an die Aufkündigung des INF-Vertrages, an die US-amerikanischen, iranischen, russischen Drohungen, an den Atomwaffensperrvertrag, dessen Umsetzung niemand ehrgeizig zu verfolgen scheint, seit Jahrzehnten. Militärische Muskelspiele, nennt Pätzold das. Er befürchtet Schlimmes – wäre da nicht die Öffentlichkeit. Ich muss herzlich lächeln, als er ICAN anspricht. Die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 2017 an die zivilgesellschaftliche Organisation für ihre akribische und gemeinschaftliche Ausarbeitung des Atomwaffenverbotsvertrages bezeichnet Pätzold als „ein wichtiges politisches Signal an die Atomwaffenstaaten – und vor allem an jene, die durch entsprechende Tests den Weltfrieden massiv gefährden.“ 

Ich schaue mich um. Auf dem Platz vor dem Rathaus finden Bauarbeiten statt, die Worte des Bürgermeisters sind kaum zu verstehen. Ohnehin sind nicht gerade viele Menschen zur Verkündung seiner Worte erschienen. Ich kann keinen Journalisten ausmachen, der über diese wichtige Angelegenheit berichten wollen würde, angekündigt hat sich laut Wolfgang nur er selbst – für dieses Magazin. Ich finde das sehr enttäuschend, denn hinter den Bürgermeistern für den Frieden steckt eine weltweite Bewegung, sie setzt ein Zeichen, das alles andere als unsichtbar ist. Bürgermeister für den Frieden ist wichtig. Ihr Einsatz ist wichtig. Ihr Thema ist wichtig. Es geht jeden einzelnen etwas an. 

So appelliert auch Pätzold im Namen des Bürgermeisters an alle Regierungen dieser Welt, das Atomwaffenarsenal abzuschaffen. Gemeinsam begeben wir uns in das Rathaus, steigen die Treppen rauf, treten auf den Balkon und gemeinsam hissen wir, die Friedensaktivisten der Friedenswerkstatt Mutlangen und der Deutschen Friedensgesellschaft und die Vertreter der Stadt Stuttgart, die Flagge der weltweiten Initiative Bürgermeister für den Frieden. Dieses Zeichen gegen Atomwaffen zumindest ist für jeden ziemlich sichtbar. 

Mandy Lüssenhop

Dieser Artikel erschien in leicht veränderter Form in der Zeitschrift „ImBlick“ in der Ausgabe Nr. 2 / Juni 2019 der Mutlanger Friedenswerkstatt (klicke hier um direkt zur kostenlosen PDF-Online-Ausgabe zu gelangen). 

Bildquelle Titelbild: Simon Bödecker

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