Lösen Religionen Konflikte (aus)?

Worüber denken eigentlich Friedensforscher nach? Existiert der vermutete Zusammenhang zwischen Religionen und Konflikten wirklich?

Fetziger und emotionaler könnte eine Debatte kaum geführt werden als jene über die Religionen. Dabei geht es weniger um die Frage danach, ob ein höheres Wesen existiert, die ein halbes Jahrtausend nach der Reformation eher nur noch bedingt einen gesellschaftlich relevanten und funktionalen Wert aufweist. Vielmehr nimmt Religion unterschwellig auch insbesondere im Leben der (mittlerweile gesellschaftlich einigermaßen akzeptierten) „Ungläubigen“ (sind Atheisten wirklich der besonderen Gabe des Glaubens beraubt, nur, weil sie ihn nicht institutionalisieren?) eine weit größere Rolle – und auch einen weit größeren Wert ein, als allgemein vermutet werden würde. In den Abendnachrichten (damals, als sich Familien nach dem Abendessen zu einer festen Zeit, kurz vor der sog. „Prime Time“, im Hauptwohnraum zusammenfanden und über ein monofunktionales elektrisches Gerät „in die ferne sahen“) spiegelt sich Religion in Bildern von Kreuzen, Kopftüchern und Krisengebieten, in Bildern von Flüchtlingen, Fanatikern und Fossilen Brennstoffen. Zunehmend verlagert sich die Frage auf den Zusammenhang zwischen Religion und Konflikt.

Konflikte: divers und menschlich

Konflikte können zahlreiche Formen annehmen, von Auseinandersetzungen über unausgesprochenen Dissenz, ungesunde Verhaltensweisen und Gewaltanwendung können Konflikte zwischen zwei oder mehreren Personen, zwischen Gruppen und Staaten entstehen. Obwohl Konflikten implizit immer eine negative Konnotation innewohnt, sind sie in erster Linie einmal wertfrei und als natürlich zu betrachten. Es wäre schlicht ein unerfüllbarer Wahnsinn, sich eine konfliktfreie Welt zu wünschen. In der Tat kann ohne Konflikte keine Toleranz, keine Pluralität und kein Fortschritt bestehen. Unterschiedliche Meinungen und Erfahrungshintergründe bringen Menschen in den kritischen Dialog während dessen die gegenseitige anerkennende Toleranz zu einem friedvollen Kompromiss neuer, pluraler Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens führen kann. Natürlich kann auch genau das Gegenteil passieren: Konflikte eskalieren. Dies passiert, wenn statt diplomatischer Gespräche Gewalt als einziges Mittel zur Konflikt“lösung“ in Betracht gezogen werden. Gewaltkonflikte sind immer eine Form eines beschränkten Horizonts.

Ist Religion der Ursprung von bewaffneten Konflikten? Seit jeher gibt es Glaubenskriege zwischen den Religionen, für welche die mittelalterlichen Kreuzzüge beispielhaft genannt werden können, und auch innerhalb der Religionen führen Streitigkeiten um Wahrheit den Iran und Saudi-Arabien derzeit in einen Sunni-Shia-Stellvertreterkrieg (Sunni und Shia sind die englischen Begriffe für Sunniten und Schiiten, zweier Ausprägungen des Islam). Religion trennt. Glaube verbindet. So der Tenor. Tatsache allerdings ist: Die Wissenschaft streitet sich heftig. Ein eindeutiger Beweis, dass Religion die Ursache für Konflikte ist, ist schlicht nicht erbracht. Ist Religion inhärent konfliktträchtig? Streiten Menschen um der Religion willen, steht es sogar (vor-)geschrieben in den verschiedenen normativen Wegweisern der Institutionen? Negiert der Glaube an das Eine zwangsläufig alles Andere? Oder ist es vielmehr sinniger, Religion als die Ursache des Ausbruches eines bewaffneten Konfliktes zu betrachten, wenn beispielsweise religiöse Diskriminierung, Verfolgung und Unterdrückung zu systematischer Benachteiligung führt?

Religion als Mythos

Eine plausible unter zahlreichen Annahmen lautet: Religion wird in Gewaltkonflikten instrumentalisiert. Die Literatur, die diese These stützt, ist zahlreich. (Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich mich, in New Yorker Cafés sitzend, wochenlang durch nicht enden wollende Wälzer las, bis jegliche Kellner mir „das Übliche“ brachten, um meine Bachelorarbeit zu folgendem Fazit zu bringen:) Religion wird mystifiziert und dient als Legitimierung, um den Ausbruch und Verlauf von bewaffneten Konflikten zu rechtfertigen.

Stehen sich zwei oder mehrere Konfliktparteien gegenüber und schließen sich weitere Parteien rückendeckend diesen Parteien an und entschließen sich diese Parteien, dass der Konflikt nur durch gewaltvolle Mittel zu „lösen“ ist, benötigen sie für dieses Vorgehen eine Rechtfertigung, die besser klingt, als „Ich bin nicht Kompromissbereit und will den vollen Gewinn“. Es kann viele Formen dieser Rechtfertigungsmechanismen geben, die politische Instrumentalisierung von Religion ist eine davon. Allen gemeinsam ist, dass sie Mythen kreieren oder nutzen, die ihnen als Legitimierung dienen. Mythen – wie tradierte Religionen, Ideologien oder auch Staatskonstruktionen – bilden einen regulativen Glaubenskatalog über das Dasein des Menschen und erheben einen Geltungsanspruch auf ihre behauptete Wahrheit. Sobald ein eskalierter Konflikt mystifiziert wird, befindet er sich auf einer Ebene, die kaum mehr rational zu lösen ist. Daher wird diesen Mythen so häufig nachgesagt, sie produzierten Konflikte. Selten sind jedoch „Staaten“, „Religionen“ oder „Ideologien“ die Ursache von Konflikten. Die Ursache von jedem Konflikt ist hoch komplex und immer einmalig. Die einzige allgemeingültige Annahme, die über alle Konflikte getroffen werden kann, ist eine ethische: Der diplomatische Befriedungsprozess ist immer der bessere.

Das große Aber

Aber. Könnte nun eingewendet werden. Aber Israel. Aber Palästina. Auf den ersten Blick scheint dieser Konflikt die große Ausnahme zu bilden: Das Judentum gegen die Muslime, in ständigem Konflikt um Staatsideologie und heilige Städte. Bei genauerer Betrachtung jedoch wird deutlich, dass auch hier die Ursache weder Religion, noch Ideologie ist. Problematisch wird es, wenn Religion politisiert wird. Von Beginn an beruhte die Staatsgründung Israels auf der Idee eines jüdischen Staates, einer Heimstädte für die politisch verfolgten Juden. Nicht nur während der an Grausamkeit dem menschlichen Verstand kaum greifbaren Gräueltaten des deutschen Nazi-Regimes wurde systematisch Judenverfolgung betrieben. Schon Luther äußerte sich feindlich gegenüber Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft. Judenverfolgung war Zeitgeist. Judenfeindlichkeit lässt sich weniger religiös begründen, wenngleich Argumente, die auf unterschiedlichen Entwicklungen gleicher inhaltlicher Ursprünge in den heiligen Schriften aufbauten, erhoben wurden. Judenfeindlichkeit hat verschiedene Ausprägungen, wie Antisemitismus oder Antizionismus und ist wissenschaftlich der Fremdenfeindlichkeit zugeordnet, die nach Definition eine ideelle Einstellung der Ablehnung von Menschen eines anderen Kulturkrieses, Volkes, oder aus einer anderen Region bzw. Gemeinde. Solch ablehnendes Handeln verlangt nach einer Begründung und normativer Rechtfertigung gegenüber der Gesellschaft. Seit sich Menschen in Gruppen aufgrund ihrer so verbesserten Überlebensgrundlage zusammen fanden, sind sie darauf angewiesen, einander zu vertrauen. Da sie dem bedrohlichen Umfeld gemeinsam sicherer begegnen konnten, mussten sie sicherstellen, dass sie sich nun nicht voreinander fürchten müssten. Entsteht also eine derartig ausgeprägte Ablehnung zwischen einander, verlangt diese nach Legitimierung. Warum wir bestimmte Bevölkerungsgruppen zu Sündenböcken machen, wird meist mit sozialen, ökonomischen, kulturellen, sprachlichen oder eben religiösen Unterschieden begründet, die als Bedrohung (fehl-)interpretiert werden.

Die bösen Fremden

Exkurs: Es ist notwendig und passiert automatisch, dass wir unser Umfeld systematisieren und bewerten (zugegeben, der Satz ruft nach Ablehnung), um Bedrohungen festzustellen. So würden wir objektiv feststellen, wenn es sich bei einer nächtliche Begegnung um eine offensichtlich betrunkene und doppelt kräftige Gestalt handelt, was wir bestenfalls subjektiv interpretieren, um mögliche Handlungsoptionen dieser Gestalt vorhersagen- und reagieren zu können. Dieser Schutzmechanismus ist uns so tief verwurzelt, dass er sogar inmitten von Menschenmassen zum Tragen kommt. Da eine derart große Population „Menschheit“, welche die Balance ihrer Bevölkerungszahl durch Medikamente selbst aushebelt, biologisch gegebenenfalls gar nicht derart „gedacht“ war, führt das dazu, dass wir uns in diesem Gedränge oft schlicht einfach überfordert und unwohl fühlen. An dieser Stelle muss jedoch unbedingt betont werden, dass es einen signifikant wichtigen Unterschied zwischen dem Säugetieren inhärenten Überlebensinstinkt und der Instrumentalisierung von Überwachungsmechanismen für machtpolitische Zwecke gibt.

Fremdenfeindlichkeit erscheint häufig in nationalistischen oder rassistischen Handlungen und fördert Ungleichbehandlung und Benachteiligung von Außenseitern verschiedenster Gruppen- und Gesellschaftsformen. An diesem Punkt kann Religion als Legitimierungsgrund für ein solches Verhalten eingesetzt werden. Religion ist also nicht die Ursache, Religion ist das Mittel. Aufgrund politischer Verfolgung migrierten Juden nach Anleitung Theodor Herzels nach Palästina, um seine Ideen staatlicher Organisation zu gestalten, deren verfassungsrechtliche Grundlage auf und mit den Schriften des Judentums begründet werden solle. Diese Bewegung bezeichnet sich Zionismus (Zion nennt sich der Tempelberg in Jerusalem) und ist eine nationalstaatliche Ideologie, welche zu ihrer Umsetzung einen geografischen Raum benötigte und somit zur Verdrängung von Menschen hauptsächlich eines-, in der Tat aber mehreren anderen Kultur- und Glaubenskreisen führte (insb. arabische Muslime). Der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis ist kein generalisierbarer Konflikt zwischen Juden und Muslimen, sondern ein politischer Landkonflikt mit einer grausigen Geschichte aus politischer Verdrängung und Vertreibung beider Seiten, der auf eine ideologische und religiöse Ebene zu dessen Legitimierung gehoben wurde.

Religion als Legitimierung für Konflikte um geografische Räume

Besitzrechte an Land schließen die Besitzrechte an dessen Ressourcen mit ein. Daher gelten insbesondere ölreiche Gebiete als besonders konfliktaffin. Im Fall Israel besitzen die Ressourcen eher strategische Bedeutsamkeit: Jerusalem, die Golan-Höhen usw. Geologische Räume sind mächtig (im wahrsten Sinne des Wortes) aufgeladen. Sie können ökonomische und ideelle Macht schaffen, die der politischen Macht grundlegend gedacht werden können, wenn man sich veranschaulicht, welche Akteure in den internationalen Beziehungen besonders wirkmächtig agieren. Der UNSC ist nur ein Beispiel dafür, dass dies die ökonomisch mächtigen Staaten sind.

Lösen Religionen Konflikte (aus)?

Würde Religion demnach als Ursprung von Konflikten abgelehnt und als Mittel ihrer Legitimierung erkannt, könnten sich Fragen gewidmet werden, wie:

Warum streiten wir uns noch und überhaupt über Religion? Wieso fangen wir nicht an, gegenseitigen Glauben zu tolerieren und respektieren? Wie können gewaltvolle Konflikteskalationen vermieden werden? Wer kann Strukturen schaffen, um friedvolle Konfliktmediation zu fördern? Wann kümmern wir uns effektiv um die Ursachen, wegen derer wir wirklich streiten?

Und letzten Endes lohnt es vielleicht sogar, sich der Frage zu widmen: Können Religionen Konflikte lösen?

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