Eine Roma-Bibliothek als Begegnungsort

Eine Bibliothek, die Literatur von europäischen Sinti- und Roma-Autoren beinhaltet, ihnen eine Stimme und eine Plattform zum Austausch gibt. Dieses Projekt initiiert die Romni Laa Gažiová derzeit in Prag. Die Pforten der Bibliothek sollen Anfang 2018 geöffnet werden. Veronika Patockova von RomaTrial e.V.* hat sich bereit erklärt, dafür deutschsprachige Roma-Literatur zusammenzutragen. Mandy Lüssenhop hat mit ihr über das literarische Großprojekt gesprochen.

Lad’a Gažiová hat das Projekt initiiert, was hat sie geleitet, welche Idee hat sie angetrieben?

Lad’a Gažiová ist eine bildende Künstlerin. Ursprünglich kommt sie aus der Slowakei, lebt aber schon lange Jahre in Prag. Dort hat sie an der Kunsthochschule Konzeptuelle Kunst studiert und widmet sich seit 2005 sehr intensiv der Kunst. Sie hat mir erzählt, dass ihr schon seit mehreren Jahren aufgefallen ist, dass es in Prag keinen Ort gibt, an dem Roma-Literatur systematisch gesammelt werde. Es gibt zwar das Roma-Museum in Brünn, der zweitgrößten Stadt in Tschechien, doch sie fand das nicht ausreichend. Sie hat schon mehrmals versucht, so eine Bibliothek aufzubauen. Dieses Jahr ist es ihr endlich gelungen, da sie sich mit der Organisation Tranzit** zusammengeschlossen hat. Insbesondere Vít Havránek, der Direktor von Tranzit in Tschechien und Kurator und Tereza Stejskalová, ebenfalls Kuratorin, unterstützen sie. Tranzit hat einerseits die Mittel, ein solches Projekt umzusetzen, andererseits aber auch den ideellen Hintergrund, der genau in das Konzept von Lad’a Gažiová passt.

Wie wird dieser ideelle Hintergrund, von dem Sie sprechen, in der Bibliothek realisiert?

Eine Abteilung der Bibliothek soll Romafuturismo heißen. Es geht darum, die Gedanken postkolonialer Autoren, vor allem aus Afrika, auf die heutige Situation der Roma in Europa anzuwenden. Die Besonderheit ist die Anlehnung an den Afrofuturismus, der Elemente aus Science-Fiction, Fantasy, Afrozentrizität und magischem Realismus verwendet, um die heutige Situation von people of color zu kritisieren und die historische Unterdrückung zu bearbeiten. Die Initiatorin kann zwar nicht für alle Roma in Tschechien sprechen, aber so wie sie es wahrnimmt, ist dieses Gefühl von Entfremdung durch die massive Unterdrückung der Roma heutzutage dem sehr ähnlich, was schwarze Menschen erleben und im Afrofuturismus bearbeiteten. Den Afrofuturismus – auf Roma angewendet Romafuturismus – nimmt sie als Instrument wahr, das dazu beitragen kann, neue Zukunftsszenarien zu entwickeln und die Emanzipationsbewegung der Roma in Gang zu setzen. Wenn auch erstmal auf dem Gebiet der Kunst oder auf dem Gebiet der Science Fiction.

Sie haben den Teil der Bibliothek beschrieben, in dem postkoloniale Literatur gesammelt wird. Was ist der andere Teil der Sammlung?

Gesammelt wird alle Literatur, die von Roma und Sinti geschrieben wurde. Das Ziel ist zunächst, um die 2.000 Bücher aus aller Welt zu sammeln, in verschiedenen Sprachen. Lad’a hat mir erzählt, dass sie schon eine komplette Sammlung von Roma-Literatur aus der Tschechoslowakei bzw. aus Tschechien und der Slowakei hat. Momentan sammelt sie Literatur aus Polen, Albanien, Ungarn, Russland und den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Mich hat sie angesprochen, um für sie die Liste der deutschsprachigen Literatur zu komplettieren. Genau daran arbeite ich gerade.

www.roma-autoren.deVeronika Patockova trägt nicht nur deutschsprachige Roma-Literatur für die Bibliothek zusammen. Sie initiierte auch das Projekt „Roma-Autoren erzählen“, bei dem Lesungen in verschiedenen deutschen und schweizerischen Städten stattfanden. Foto: http://www.roma-autoren.de

Wie gehen Sie da vor? Gibt es dabei Probleme?

Ich selbst habe mich bereits viel mit der Literatur der Roma beschäftigt. Vor einigen Jahren habe ich ein Projekt geleitet und initiiert, das hieß „Roma-Autoren erzählen…“. Bei diesem Projekt haben wir vor allem Kurzgeschichten und Gedichte von Roma-Autoren aus Tschechien, der Slowakei und Ungarn ins Deutsche übersetzt und eine Reihe von Lesungen in verschiedenen deutschen und schweizerischen Städten organisiert. Dabei habe ich mich also viel mit der Roma-Literatur im deutschsprachigen Raum auseinandergesetzt. Dieses Wissen trage ich jetzt zusammen. Ich werde damit anfangen, diese Bücher für die Bibliothek zu beschaffen. In einem zweiten Schritt möchte ich mich mit anderen Leuten zusammenschließen, die sich auch mit dem Thema auseinandersetzten. Ich plane beispielsweise, mit Dr. Beate Eder-Jordan in Kontakt zu treten, deren Arbeit zu Roma-Literatur ich sehr schätze.

In der Roma-Bibliothek wird es die Abteilung „Romafuturismus“ in Anlehnung an „Afrofuturismus“ geben. Der 1993 geprägte Begriff bezeichnet die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Science-Fiction-Genre, um die Anliegen von people of colour in den Mittelpunkt zu rücken. Afrofuturismus setzt sich kritisch mit gegenwärtigen Herrschaftsstrukturen auseinander, wirft einen Blick in die Zukunft und arbeitet zudem historische Ereignisse auf. Das Bild zeigt ein 2013 veröffentlichtes Standardwerk über dieses künstlerische Konzept.

Wird auch explizit nach Literatur in Romanes gesucht?

Genau, die ursprüngliche Idee von Lad’a Gažiová war, verschiedene Dialekte des Romanes in der Bibliothek vertreten zu haben. Jedoch stellte sich ziemlich schnell heraus, dass viele Roma und Sinti eben nicht auf Romanes schreiben, sondern in den Sprachen, die vorrangig in ihren Ländern gesprochen werden.

Woran liegt das?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ich selbst würde sagen, dass es zum einen natürlich daran liegt, dass Romanes traditionell keine Schriftsprache ist. Sie wurde mündlich weitergegeben und nur in wenigen Ländern gibt es eine standardisierte Version. Zusätzlich haben viele Sinti sowie Vertreter von Sinti-Organisationen in Deutschland es aufgrund der Erfahrungen in der NS-Zeit nicht gewünscht, dass Romanes der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Eva Justin, Rassenforscherin und rechte Hand von Robert Ritter – nationalsozialistischer Rassentheoretiker – beherrschte Romanes und konnte so das Vertrauen vieler Sinti gewinnen, die anschließend ermordet wurden. Es gibt auch ganz andere Herangehensweisen: An der Karls-Universität in Prag gibt es ein Institut für Romanes. Dort wird die Sprache erforscht und es gibt auch Lehrbücher. Doch soweit ich weiß, ist diese Situation ziemlich einzigartig.

Was halten Sie persönlich von dem Projekt?

Ich finde es großartig! Vor allem die ideelle Verknüpfung von Postkolonialismus und Afrofuturismus und der heutigen Situation der Roma und Sinti finde ich bereichernd. In dem Bereich wurde schon viel geforscht – die Situationen sind natürlich historisch, geografisch und politisch etwas anders, aber viele Aspekte sind doch ähnlich. Was noch wichtig ist zu erwähnen: Die Bibliothek soll vor allem auch eine Plattform werden, es soll eine Art Kollektiv entstehen für interne sowie öffentliche Diskussion von Roma. Es soll eben nicht nur über Roma gesprochen werden, sondern Roma aus vielen verschiedenen Kreisen, mit unterschiedlichen Hintergründen, Berufen und Bildungslaufbahnen sollen zueinander finden – ein Begegnungsort, an dem sich Roma treffen und austauschen können. Das finde ich super, weil ich glaube, dass ein solcher Ort bisher fehlt.

Sind in diesem Bereich schon Projekte in Planung?

Es gab im Juni bereits eine öffentliche Diskussion, in der es darum ging, worüber Roma sprechen möchten. Es wurde genau um die Anwendung von Afrofuturismus auf die heutige Situation von Roma diskutiert. Ich kann mir vorstellen, dass es von solchen Veranstaltungen noch mehrere geben wird und dass da wirklich ein Raum entsteht, wo sich Menschen treffen und austauschen können.

 

* Hamze Bytyci, Regisseur, Schauspieler, Theaterpädagoge und Aktivist, und Veronika Patockova haben RomaTrial 2012 gegründet. Der Verein versteht sich als transkulturelle Selbstorganisation von Roma und Nicht-Roma. Schwerpunkte: kulturelle und politische Bildungsarbeit für Jugendliche und Erwachsene, kreative Theater- und Filmprojekte, Sommerschulen, Seminare gegen Antiziganismus sowie Kulturveranstaltungen mit Sinn. www.romatrial.org

** Das Netzwerk Tranzit wurde 2002 ins Leben gerufen und ist in Österreich, Tschechien, Ungarn, Rumänien und der Slowakei aktiv. Künstler, Kuratoren und Theoretiker sollen über Generationen und nationale Grenzen hinweg vernetzt werden. Tranzit will bewusst eine vielschichtige Plattform entwickeln, die nicht nur eine Alternative, sondern auch eine Ergänzung zur gegenwärtigen Kulturpolitik darstellt. Deshalb hat sich Tranzit zum Ziel gesetzt, Einzelpersonen sowie Aktivitäten kleineren Maßstabs zu unterstützen, die über ein künstlerisches Potenzial im lokalen wie auch im internationalen Kontext verfügen: www.tranzit.org

 

online: https://www.gfbv.de/de/informieren/zeitschrift-bedrohte-voelker-pogrom/301-sinti-und-roma-wir-sind-wie-ihr/eine-roma-bibliothek-als-begegnungsort/

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