G20 in der Hafencity 

Schanzenviertel, Reeperbahn, Fischmarkt, Altona: Irgendwie bin ich wieder einmal mitten im Geschehen gelandet. Meine Erfahrungen quer durch Hamburg rund um den G20.

„A-Anti-Antikapitalista“. Wir alle haben einen Ohrwurm. Quer durch Hamburg ziehen sich Proteste, die gegen den G20-Gipfel gerichtet sind. Und wir sind mitten drin. Da ist der Schwarze Block, Autonome, Linksradikale und auch der Block G20, der – in verschiedenfarbige Finger aufgeteilt, unterschiedliche wichtige Routen für die aus aller Welt eingereisten Diplomaten durch Sitzblockaden sperren will (und damit auch recht erfolgreich ist, der G20 startete mit Verspätung). Dann gibt es aber auch noch uns: Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) setzt sich mit einem friedlichen Protest für die Native Americans ein.

​Quelle: GfbV


Quelle: GfbV

Schon vor unserem ersten Protesttag geraten wir spontan in einen Demo-Rave. Wir wohnen zentral im Hamburger Stadtteil St. Pauli an der Reeperbahn und schließen uns dem Zug, der bis dahin einen schon etwa einstündigen Weg quer durch Hamburg zurück gelegt hat, kurzentschlossen an. Dabei gewinnen wir erste Eindrücke von Hamburgs Widerstand gegen den G20 Gipfel, die sich über die Tage noch stark intensivieren sollen. Wir folgen der elektronischen Musik, dem Geruch nach Marihuana, immer entlang der Ladenstraßen, die ihre Fenster mit „Anti-G20“ Stickern dekoriert haben.

​Quelle: Eigene Aufnabme

​Quelle: Eigene Aufnahme

„Ach neeeeeee!“, rufen eine Freundin und ich gleichzeitig aus, als wir uns entdecken. Sie sitzt gerade im Auto, ist auf dem Weg zum Arbeitsplatz ihres Freundes. Entspannt kann sie auf einen Schnack aussteigen, wir haben Zeit, der Verkehr steht. „Wir flüchten gemeinsam aus Hamburg und fahren übers Wochenende weg. Das müssen wir uns echt nicht antun“, erklärt sie genervt. Die Idee hatte nicht nur sie. Viele Autos stecken in einer Endlosschlange hintereinander fest. Proteste und die Polizei blockieren eine freie Durchfahrt. Wir lassen uns von der Festival-Stimmung anstecken, tanzen ein wenig und lassen den Abend entspannt in einem der Cafés um die Ecke ausklingen – mit dem Ladenbesitzer führen wir eisschleckend ein interessantes Gespräch. „Der Taco-Typ von gegenüber war auch schon da, hat gefragt, ob wir den Laden morgen öffnen. Ganz ehrlich, ich hab keine Ahnung“, zweifelt er. Schnell diskutieren wir über die Unsinnigkeit, mit der die Veranstaltung im Herzen Hamburgs geplant wurde. Niemand sei vorher angemessen gefragt oder informiert worden, beschwert der Verkäufer sich. „Wenn ich jetzt hier ne Glasflasche verkaufe und dann randaliert jemand, dann bin ich am Ende noch verantwortlich“.

Das Wetter ist herrlich – also spazieren wir am darauffolgenden Tag nach unserer Aktion durch die Straßen des Hamburger Stadtteils St Pauli. Tatsächlich gehen wir auf den Straßen, die leergefegt sind, wie es in Hamburg nur selten der Fall ist. Allein ein Polizeiaufgebot von einem ebenso seltenen Ausmaß füllt die Hauptstraßen. Es ist heiß, die Polizisten tun mir leid, in ihren schwarzen, schweren Uniformen rinnen ihnen Schweißperlen über das Gesicht. Trotzdem lächeln uns einige freundlich an, manche allerdings wirken angespannt.


Quelle: Eigene Aufnahme

Spontan landen wir am Hamburger Fischmarkt – der Ort, der als Startpunkt für die „Welcome To Hell“-Demo angemeldet ist. Dass der Protest in einen an Anarchie grenzenden Zustand „Polizei gegen Schwarzer Block“ ausarten würde, der sich die ganze Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag hinziehen würde, ließ das hervorragende Wetter nicht erahnen. Denn auch dieser Protest gleicht zunächst einem Festival: Junge Menschen, die im Schneidersitz im Kreis sitzen, Plakate malen, veganen Couscous und Salate futtern, Musikbeschallung und strahlender Sonnenschein an der Elbe. Mit der Zeit füllt sich der Platz, wir laufen herum, verlieren uns, suchen einander, finden uns, sitzen in der Sonne, entspannen und plötzlich sind wir schneller wieder aufgesprungen und haben uns an den Rand einer Ladenzeile gerettet, als wir die Situation überhaupt erfasst oder realisiert haben.

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Quelle: Eigene Aufnahme

Zwei von unserer Gruppe wollen sofort gehen. Auf Auseinandersetzungen durch die Ankunft des Schwarzen Blocks haben sie keine Lust. Etwa zwanzig Minuten später, um Sieben Uhr, sollte der Protestmarsch starten. Tatsächlich stehen wir herum, überlegen, ob es sich lohnt, noch irgendwo ein Bier kaufen zu gehen. Von den Lautsprecherdurchsagen verstehen wir einzelne Wortfetzen bis Nichts. „Trennen“, „Vermummung“, „friedlich“, „dann kann es auch los gehen“. Aha. Wir zücken also unsere smarten Mobiltelefone und machen uns über die Liveticker der Nachrichtenagenturen schlau, während die Polizei den Durchgang in Richtung Elbe verschließt und die Hauptbühne abgebaut wird. Es gäbe verbale Auseinandersetzungen zwischen Polizei, die keine Vermummung auf der Demo zulässt und dem Schwarzen Block, der die aufgestellten Wasserwerfer der Polizei kritisiert. Darum geht es: Vermummung wird von der Polizei als Zeichen zur Gewaltbereitschaft aufgefasst, aus Sicht der Protestanten dient er als Identitätsschutz, besonders dann, wenn jemand ganz vorn mitlaufen und dabei nicht gefilmt werden möchte. Schließlich heißt es: Der Demonstrationszug könne friedlich stattfinden, sobald der Schwarze Block und die Gewaltbereiten von den friedlichen Demonstranten durch die Polizei getrennt worden seien. „Dann lasst uns doch noch warten“, beschließen wir, bevor wir eine Minute später die Beine in die Hand nehmen, den „Haut ab“-Rufen folgen und die Wasser- und Flaschenwerfer hinter uns lassen. Dass die Rufe eigentlich der Polizei galten, finden wir erst später heraus.​

Quelle: Eigene Aufnahme

Quelle: Eigene Aufnahme

​ Quelle: Eigene Aufnahme

Die Situation können wir nur schwer einschätzen, wir wissen nur: Sie eskaliert. Anschuldigungen werden durch die Gegend gerufen, die Polizei habe angefangen, die Vermummten seien Schuld. Wir schätzen: Da sind zwei Parteien, die auf ihren Grundsätzen beharren, die sich von der Situation haben aufstacheln lassen, solange, bis Gewaltbereitschaft keine Frage mehr war, sondern die verfügbaren Mittel die letzte Antwort darstellten. Wir haben uns also aus dem Staub gemacht, was gar nicht so einfach war. „Wir sind aber von Links gekommen“, „da geht’s aber nicht lang, die ganze Straße ist voll Polizei“, „da stehen auch die ganzen Autonomen rum und der Schwarze Block“, „rechts ist voll der Umweg“, „du wärst halt vollkommen verrückt, wenn du da jetzt unten lang gehst“. Also gehen wir eben rechts. Eine Weile laufen wir einfach bergauf, kommen ins Gespräch: „Was auf der Loveparade geschehen ist, haben die hier ja gradezu provoziert“, kritisiert ein weiterer flüchtender Protestant die Polizei, die einen Ausgang blockiert hatte. Auch er muss einen Umweg gehen. Schließlich sichten wir einen Kiosk und jene durch die Eskalation vergessene Lust auf ein kühles Bier kehrt zurück. Als wir uns umdrehen, müssen wir diesen Plan jedoch ändern: Hinter uns befindet sich ein Mob aus Menschen, die mitten auf der Hauptstraße laufen, wir hören Polizeisirenen, alles umringt von Rauch, in allen Farben. Wir legen einen Zahn zu und finden später Unterschlupf bei einem mexikanischen Restaurant, das mit „frisch gezapften Craft Beer“ wirbt. Wir entspannen kurz, doch schnell hat uns der Mob der Vermummten eingeholt. Sie rennen vorbei. Ebenso wie viele Menschen, die der Demonstration friedlich beiwohnen wollten. Eine 20 Wagen umfassende Polizeikolonne fährt die Straße im Viertelstunden-Takt rauf und runter, Helikopter fliegen am Himmel. Ein Protestcamp befindet sich nur wenige hundert Meter weiter. Ein Auto wird von einigen Demonstranten angehalten: „Tschuldigung, da fahren Sie besser nicht lang“. Vom G20 Gipfel selbst hören wir nicht viel. Wir legen unsere Handys in die Mitte des Tisches, eine Art Spiel: Niemand darf schauen, wir sprechen persönlich – und wenn doch jemand nach dem Telefon greift, übernimmt er die Rechnung. Trotzdem können wir nicht widerstehen: Wir lesen hin und wieder in den Liveblogs, wollen einschätzen, was um uns herum geschieht und dem Rest der Gruppe, der bereits ins Hostel zurück gekehrt war, kommunizieren, dass wir in Sicherheit sind. Aus dem Hostel bekommen wir die Nachricht zuerst: An der Reeperbahn eskaliert die Gewalt. Also genau da, wo sich unser Schlafplatz befindet.

Quelle: Daniel

Wir beenden indes nach einem lustigen Schnack mit dem Kellner in spanischer Sprache das Sit-Together und beschließen, zu Fuß unser Hostel anzusteuern. Wieder eher per Zufall geraten wir in die nächste Versammlung: Die Überbleibsel der Demo haben sich an der Reeperbahn formiert, um friedlich den zuvor geplanten Marsch quer durch Hamburg fortzuführen. „Ach neeeeeeeee“ – wieder treffen wir Freunde und schließen uns ihnen an. Aus schwarz wurde pink und zu Samba-Musik tanzen wir ein wenig. Die Festivalstimmung ist wiedergekehrt, der Demonstrationszug steht wieder auf der Stelle. Als der Polizei gegenüber offensichtlich feindlich eingestellte Demonstranten kommen, beschließen wir, zu gehen. „Haut ab!“. Am nächsten Tag lesen wir, dass auch dieser Protestmarsch nicht in Gang gekommen ist, wieder Wasserwerfer eingesetzt wurden.

 Quelle: Canan

Laute Rufe, Knalle, Gebrüll weckt uns. Schaulustig rennen wir an die Fenster unseres Hostels, auf der Straße vor unserem Hostel eskaliert ein Konflikt, in den Pfefferspray involviert ist. Die Beteiligten rennen schnell weiter. Da wir jetzt wach sind, greifen wir zu den Smartphones, lesen Nachrichten und erfahren: In Altona brennen Autos. In Altona, wo wir unseren zweiten Demonstrationstag verbringen wollten. Wir nehmen uns also Zeit für ein ausgiebiges Frühstück, beraten die Lage, wollen zumindest unsere Chancen ausprobieren und warten, bis sich die Lage einigermaßen beruhigt hat. Eingeschlagene Scheiben, ein „demoliertes schwedisches Kaufhaus“ (wie es die Nachrichtenwebseite so schön anonym beschrieb), brennende Autos. Die Nachrichtenseiten eskalieren ebenso wie die Konflikte. Ich texte derweil mit einer Freundin. Sie arbeitet in Hamburg, direkt in der Hafencity, die komplett abgeriegelt ist. Sicherheitszone. Sie muss sich ausweisen. „Überall in Hamburg brennen Autos“, berichtet sie. Der Helikopterlärm stört sie bei der Arbeit. Sie schickt ein Video, gefilmt von ihrer Freundin, die sich in einem Lagerraum befindet, während schwarz vermummte Gestalten die Scheibe von außen einschlagen. Ich bin schockiert von der Gewalttätigkeit, mit der mutwillig die Autos von Einwohnern zerstört werden*. Ich kann mehr denn je verstehen, warum alle die Stadt verlassen haben. ​

​Quelle: Unbekannt

Schließlich brechen wir bei strahlendem Sonnenschein auf, sehen nicht viel von kaputten Scheiben und kommen auch mit der Bahn problemlos voran. Sogar unsere Aktion bekommt Aufmerksamkeit von Menschen, die eisschleckend durch die Passage schlendern und shoppen, als wäre es ein ganz normaler Sommertag. Nach drei Stunden kommen sie wieder, parken an den Straßenrändern, riegeln den Bahnhof Altona ab und fordern uns auf, unsere Sachen zusammen zu packen. Wir fahren also nach Hause. Es bleiben die Eindrücke einer der schönsten Städte Deutschlands, die sich in einem Ausnahmezustand befindet – und ein Ohrwurm. „A-Anti-Antikapitalista“.

*Auf https://www.leetchi.com kann für die Betroffenen gespendet werden!

 

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