Jambo ist nur was für Mzungos

Ich träume, dass meine gute Freundin hier ist. Es gibt Pancakes zum Frühstück! Ich wurde gerade rechtzeitig wach, um welche ab zu bekommen. Doch dann hat meine Freundin alle verdrückt! „Du weißt doch, wie gerne ich Pancakes esse!“, schnaube ich böse. Wir befinden uns in dem Haus, in welchem ich ursprünglich ein Zimmer beziehen sollte. Es ist so groß! Die Räume sind verwinkelt. Ich kehre zu meinem aktuellen Schlafplatz zurück und erschrecke. Hunderte Moskitos haben sich in dem Netz verfangen, welches das Bett vor ihnen schützen soll. Doch sie befinden sich innerhalb des Netzes, weil ich vergessen habe, es wieder unter die Matratze zu stopfen. Was für ein Chaos.

Chaos. Dieses Wort wird mich die kommenden drei Wochen kontinuierlich begleiten. Ich lebe in der Hauptstadt Kenias, Nairobi, ein chaotischer Ort, wie man sich ihn nicht vorstellen kann. Über eine Hilfsorganisation habe ich mich für ehrenamtliche Entwicklungshilfe eingetragen. Ohne große Lehrerfahrung werde ich an einer Schule mit dem hoffnungsstarken Namen „fruitful“ in einem Slum namens Kibera unterrichten. Die Schule ist zugleich das Zuhause der Waisenkinder, die ich unterrichten werde. All die Eindrücke, die ich hier gesammelt-, all die Erlebnisse, die ich hier erfahren habe, jede Schwierigkeit, mit der ich zu kämpfen hatte und jede wunderbare Eigenart dieser andersartigen Kultur dokumentierte ich in einem Tagebuch. Ein wunderschönes rotes Buch mit glänzendem, bunten Muster, das mir meine sehr gute Freundin zum Geburtstag geschenkt hat. Einige dieser sehr persönlichen Erfahrungen habe ich in diesem Artikel zusammengefasst.

Nairobi im August 2016, Erste Tage

Karibu („Willkommen“). Der Alltag hier in Nairobi ist minimal anstrengend für uns – kaltes Wasser, Dreck, unregelmäßigen Zugang zum Internet und zu warmem Wasser (die ersten Tage fiel der Strom aus und ich steckte meinen Kopf nach 8 Stunden Flug in einen Eimer kalten Wassers) und seltenes Essen (dann z.B. Ugali, ein nach nichts schmeckender und sehr sättigender Brei aus Maismehl, der in etwa die Konsistenz von drei Tage altem Kartoffelbrei hat, traditionell mit Sukuawiki, ein kenianischer Grünkohl, wir bekamen jedoch meistens Bohnen. Ich liebe typisch kenianische Gerichte! Oft genug essen wir in Deutschland aus Genuss, aus Langeweile, aus emotionalen Gründen oder einfach, weil es da ist. Kenianische Gerichte erfüllen ihren grundlegenden Zweck: Sie sind sättigend.). Sauberes Trinkwasser ist sogar in der Hauptstadt eine wichtige Ressource. Ich sah, dass die Bewohner der Dörfer ihre Kinder auf lange Wege schickten, welche die kleinen Gestalten dann mit schweren Wasserkanistern zurücklegen. Weil ich diesen Kontrast zum Reichtum Deutschlands nicht gewohnt bin, fühle ich mich natürlicherweise unwohl. Doch da ist noch etwas in diesem Gefühl: Ich spüre die täglichen Anstrengungen, die man sich aus den Bildern im Fernsehen nur entfernt vorstellen kann, am eigenen Leib. Ich erlebe.

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Bildquelle: Eigene Darstellung

Wie auf besagten Bildern sieht auch das Slum Kibera aus: Blechhütten über Papphütten, Dreck, Müll, Urin, kranke Hunde, abgemagerte Ziegen, kranke und abgemagerte Kinder, viel Armut. Menschen, die jeden Tag aufs Neue über(!)leben. Menschen, die sich damit arrangiert haben. Menschen, die stolz auf ihre Stärke sind. Ich beobachte viele hilfsbereite, lächelnde Gesichter. Niemand dort leidet offensichtlich. Es gibt frisches Obst, Gemüse, Eisenwaren und alles, was man benötigt an der Ecke. Leute laufen kreuz und quer, grüßen uns und plaudern oder winken einfach nur, weil sie kein Englisch sprechen können. Ich bin beeindruckt von den kleinen Läden, die jedes Grundbedürfnis abdecken, davon, wie jede Gesellschaft, ob klein oder groß, ob deutsch oder kenianisch, funktioniert. Die Hauptwege des Slums sind durchzogen von Gräben, in denen sich eine Matschepampe aus Urin, Müll, dreckigem Wasser und Matsch befindet.

Bildquelle: Eigene Darstellung

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Bildquelle: Eigene Darstellung

Das Dach des Gebäudes „fruitful“ besteht aus Wellblech und die Wände aus einer Mischung aus Kuhdung, Mörtel und Sand. Es gibt drei Räume. Schlafräume mit nicht annähernd genügend Betten für die Kinder. Manche müssen auf dem sandigen Boden schlafen. Es gibt kein Holz, keine Fliesen, es ist einfach fest gestampfte Erde, die nass ist von den dreckigen Wegen draußen. Ein weiterer Raum ist der Schulraum, in dem alle Klassen 1-5 zur selben Zeit unterrichtet werden. Die Klassen sind abgetrennt durch instabile, dreckige Tafeln, welche die Lautstärke nicht mindern. Sie werden ständig vom Unterricht der Anderen ablenkt. Alle laufen durcheinander. Es gibt zerfledderte Schulbücher, aber meist nur Englisch und Mathe. Es gibt ein einziges für Naturwissenschaften und das ist für die vierte Klasse. Gekocht wird auf einem von drei Steinen eingeschlossenen Feuer. Für alle. Ich frage mich oft, wie sie es schaffen, dass diese Kinder überleben. Sie sind krank, ständig laufen ihre Nasen. Ich muss sie regelmäßig an Hygiene erinnern. Wir haben uns alle bei ihnen angesteckt.
Englisch und Mathe sind die Fächer, in denen ich die zurecht unkonzentrierten Kinder unterrichte. Die dritte Klasse besteht aus fünf Kindern und wurde mir zugeteilt. Wir unterrichten alleine, weil sich die Schule keine Lehrer leisten kann. Ich bin ihr einziger Zugang zu Bildung! Die Kinder haben eigene Hefte, welche die Schule bezahlt hat durch den Verkauf von Armbändern. Sie sind intelligent und lernen schnell. Ich habe nie Schüler oder Studenten gesehen, die mit einem solchen Eifer eine ihnen gestellte Aufgabe angehen. Die Kinder nennen uns „Teacher“. Obwohl ich Ihnen jedes Mal erkläre, dass mein Name Mandy ist. Sie kennen alle Regeln: Sie melden sich, wenn ich Ihnen eine Frage stelle und schreiben alles mit. Für jedes Fach nutzen sie ein einziges Heft.
Ich traf ein 16-jähriges Mädchen, welches in dem Waisenhaus aufgewachsen war und sie erzählte mir nach einigen Tagen, dass einer der kleinen Jungen, die ich unterrichte, ihr anvertraute: „Me and the teacher are friends“. Wie er darauf komme, fragte sie. Er erzählte ihr, dass er sehr inspiriert von der Geschichte war, die ich ihnen vorgelesen habe. „Sie hat mich gefragt, warum es wichtig ist, in der Schule hart zu arbeiten. Ich kann später Geld verdienen! Ich habe ihr ein Bild gemalt mit einem großen Auto drauf! Das wünsche ich mir.“ Er fragte anschließend, ob er sich dem „Teacher“ anvertrauen dürfe. Es hat mich zu Tränen gerührt, dass ich bereits nach wenigen Tagen einen Einfluss auf den Jungen gemacht habe. Ich schaue ihn an und plötzlich verschwimmt das Bild des braunen Bodens, auf dem die Holzbänke stehen, die Schüler, die gerade fleißig in ihre Hefte kritzeln. Ich sehe den Jungen in seinem karierten Hemd in den Straßen der Slums, stark, aber mager durch die harte Arbeit, der Drogen als Mittel nimmt, um dem Alltag zu entfliehen. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass dieser schlaue, offene, sensible Junge eines Tages abhärtet und rumhängt. Deswegen ertrage ich Magenprobleme und gehe mit Halsschmerzen gegen die Lautstärke anschreiend in den Unterricht. Meine Arbeit verlangt wirklich viel, wenn nicht alles von mir ab.

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Bildquelle: Eigene Darstellung

Nairobi, den 11.08.2016

Mit den Matatu fahren wir jeden morgen in die Schule. Matatu sind die gängigen Verkehrsmittel, eine Art Taxi-Bus, in denen oft ohrenbetäubend laute Hip-Hop Musik von Anfang dieses Jahrtausends gespielt wird. Schnell lernen wir gewisse, wichtige Grundregeln:

  1. Niemals direkt neben den Lautsprecher setzen.
  2. Dem Fahrer exakt sagen, wohin es gehen soll und den Preis festmachen, sonst verlangen sie das dreifache vom Mzungo („Ausländer“).
  3. Am besten vorn sitzen, denn die Fahrten sind recht holprig. Des Öfteren flog ich bei größeren Huckeln in den spärlich gepflasterten Straßen in die Höhe und stieß mit meinem Kopf an die Decke. Hinten ist sie niedriger als vorn.
  4. Wertsachen beschützen. Handy niemals am Fenster herausholen.
Massai Mara, 13-14.08.2016, Aufenthalt in der Lodge „Olowuaru Keri“

Um mich herum habe ich ganz intelligente und offene Menschen gefunden. Sie lachen viel, wir vertrauen uns einander an, geben uns Tipps, tauschen uns über die Kulturen unserer Herkunftsländer aus (was ich wahnsinnig interessant finde) und unternehmen die aufregendsten Dinge (zum Beispiel den Sonnenuntergang vom KICC Tower anzuschauen, den Ausblick über Nairobi zu genießen und zwar bis wir von der Security raus geworfen werden oder nachts quer durch den chaotischen Verkehr Nairobis zu tingeln). An diesem Wochenende waren wir zum Beispiel auf Safari.

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Bildquelle: Marius

Bildquelle: Marius

Unser Tourguide heißt James, hat uns aus Nairobi abgeholt und war wunderbar. Er ermöglichte es uns, vier der „Big Five“ (Elefant, Löwe, Büffel, Nashorn, Gepard) zu sehen! Während einer siebenstündigen Fahrt, einem(!) Stopp, einem gewechselten reifen, einem überhitzen Motor und drei Stunden dieser Zeit unangeschnalltem pesen durch huckelige, steinige, sandige, matschige, hügelige Savannenwege sahen wir die Dörfer der einheimischen Massai-Stämme, Esel, die Benzin- und Wassertröge ziehen, schlafende Menschen und Hunde im Schatten der seltenen Bäume, Motorradfahrer und Kinder, die Schaf- und Kuhherden hüteten. Wir sahen sogar eine Hochzeit! Die Frauen trugen bunte Schals und überall waren weiße Zelte aufgestellt. Alle paar Kilometer sehen wir eine Schule oder Kirche aus Wellblech.

„Gehen hier alle Kinder in diese Schulen, James?“

Nein. Viele können es sich nicht leisten, die meisten werden für die Tierzucht benötigt und für manche ist es schlicht zu weit weg. Sie brauchen Stunden zu Fuß, um ihre Schule zu erreichen. Das können viele Familien nicht aufbringen, da die Kinder für die Familienarbeit benötigt werden. Nicht nur ein Mal mussten wir halten, um Schaf- und Kuhherden den Weg passieren zu lassen. Wir halten am Wegesrand, um zu pinkeln – mitten in der Savanne kann man zwischen den kahlen Büschen unsere nackten hintern hervorlugen sehen. Mitten im Niemandsland mussten wir einen geplatzten Reifen wechseln. Mit jeder Stunde wurde es heißer. Ich bin immer noch angeschlagen wegen der kranken Schulkinder und fühle mich zunehmend unwohl. Dann kamen wir endlich, durchgeschwitzt und mit leicht durcheinander gewirbelten Mägen, an.

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Wir sahen Giraffen, Elefantenfamilien (später sollte ich die Möglichkeit bekommen, ein Elefantenbaby zu berühren. Ihre Haut ist durch den Schlamm recht ölig, was überraschend ist, da man dem Anschein her eine sehr trockene, sandige Haut erwartet), („Simba“) eine Löwenmutter und ihre drei Kinder die laut James etwa einen Monat alt waren, Hyänen auf der jagt, Zebras (wir haben endlich das Geheimnis gelüftet, was sich die Natur bei dem Streifen gedacht hat: In Herden ist das Einzeltier zwischen dem hohen Gras nicht mehr auszumachen), Aasgeier, Gnus bei der großen Migration, Hippos (unser Tourguide stieg aus und kam Sekunden später wie von der Tarantel gestochen zurück gelaufen, weil eines der Tiere sich außerhalb des Wassers befand. Hippos sind auf Platz 2 der Todesgründe durch Tiere in Afrika nach Moskitos), einen Strauß, wir sehen eine Schlange, die wenige Sekunden später im hohen Gras verschwunden ist, Erdmännchen, einen Geparden (das schnellste Tier der Welt! Und sehr selten zu sehen), Büffel (sie sehen aus wie eine Statue aus Stein und sind zwischen den Büschen schwer auszumachen. Sie laufen normalerweise in Herden, sieht man eines einzeln, wurde es zurückgelassen. Die Ausgestoßenen wiederum tun sich dann wieder in einer Herde zusammen), einen wunderschönen bunten Vogel („Sabab Blue“), viele Antilopenarten, Warzenschweine (alle rufen nur „Pumba“), viele Skelette und auf der Rückfahrt sehen wir sogar Affen, die an einem kleinen Wasserloch zwischen den Bergen eine Rast einlegen. Es ist beeindruckend, diese Tiere in freier Natur zu sehen. Eine stärkere Zielgruppe, wie der Löwe, jagt ein anderes Tier wie ein Zebra, sie essen das Fleisch, bis sie satt sind. Die Reste bekommen weniger erfolgreiche Tiergruppen wie die Hyänen. Die Reste und Knochen teilen sich die Aasgeier. Was dann noch übrig bleibt, macht sich die Natur zu eigen. Abends stellen wir fest, dass wir aufgrund dieser Natürlichkeit der Selektion nicht einmal Mitleid mit dem schönen Zebra hatten. Allein die Landschaft ist so beeindruckend, dass wir nur aus dem offenen Dach unsere Jeeps starren und genießen können. Wir sehen kahles Buschland, weite Savannen, ausgetrocknete Büsche und kleine Bäume, Flüsse (die wir auch durchaus mit dem Jeep passieren), Seen, Kakteen, ausgetrocknete Flussbetten und Graslandschaften.

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Unser Lodge ist das Paradies auf Erden. Nach der anstrengenden Safari überfressen wir uns maßlos. Am Abend versammeln wir uns alle vor einem offenen Kamin, ich lerne, Ukulele zu spielen, wir singen, reden in allen uns verfügbaren Sprachen über Religion, Politik, Rassismus, Lieblingsfilme, Tiere oder die Kulturen unserer Herkunftsländer. Obwohl dieser Augenblick so schön ist, können wir es alle kaum abwarten, in unseren gemütlichen Betten zu liegen, den Geräuschen der Natur zu lauschen und bei zirpendem Grillen, kämpfenden Löwen, kreischenden Hyänen, meckernden Ziegen und bellenden Hunden einzuschlafen. In der Nacht weckt mich der Schrei eines Tieres, dass gruselig nach einer wütenden Frau klingt. Am Morgen stehen wir auf, als es noch dunkel ist. Um etwa vier Uhr deutscher Zeit stehe ich auf, mache etwa 40 Sonnengrüße und überfresse mich an warmen Porridge, frisch vor unseren Augen gebratenen Omelettes, Mandasi (das traditionelle kenianische Frühstück, das einem Donut ohne Glasur und ohne Loch in der Mitte ähnelt), Pancakes, Kichererbsen, Kaffee und Früchten. „Wie kannst du nur so viel essen?“, werde ich gefragt. „Ich habe Hunger!“, mampfe ich trotzig und verschlinge einen weiteren, noch heißen Pancakes mit bloßen Händen. Nach der beengten, chaotischen Atmosphäre Nairobis fühle ich mich endlich wieder vollkommen frei. Ich renne lauthals lachend einmal quer durch das Camp, mit ausgebreiteten Armen und beobachte, wie die Sonne aufgeht. Danach fahren wir auf unsere letzte Safari, bedanken uns („Assanti“) und versprechen, zu unseren Flitterwochen wieder zu kommen.

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Donnerstag, 18.08.2016 Nairobi

Ich habe Hals- und Ohrenschmerzen, Durchfall und Magenkrämpfe, Husten und einen Schnupfen. Wir haben kein Wasser mehr. Ich glaube, das Toilettenpapier ist auch bald alle. Mein einziges Medikament ist grüner Tee. Ich will schlafen. Der Strom ist seit Stunden ausgefallen. Niemand ist Zuhause. Ich fühle mich zunehmend eingesperrt, ich kann oder darf mich hier alleine nicht frei bewegen, bin auf die anderen angewiesen.

Hells Gate National Park, Sonntag, den 21.08.2016
Bildquelle: Eigene Darstellung

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Dieser Tag war körperlich und geistig anstrengend. Es war atemberaubend! Zwei Stunden sind wir mit den Matatu unterwegs, um auf Fahrrädern eine Safari durch den Park zu unternehmen. Anfangs sehen wir uns mit der sengenden Hitze der Equatorsonne konfrontiert, schirmen unsere Köpfe mit Mützen und Schals ab und nach der ersten Anstrengung: Wow. Wow! Staunend bleiben wir stehen, steigen ab. Mit offenen Mündern und aufgerissenen Augen versuchen wir, das ganze Panorama auf einmal einzufangen. Die Weite der Savanne, die in den heraufragenden Bergen ihr Ende nimmt. Die Klippen der Berge, weit oben, von denen aus man das ganze Tal überblicken kann. Zebras und Giraffen, „Pumbas“ und Antilopen. Wir unternehmen einen zweistündigen Hike durch die Riffs der Berge. Wir klettern hinunter zu den schlammigen Resten des Flusses, der in der Regenzeit reißend ist. Wir steigen über Steine, hangeln uns an den braungelben, eingekerbten Wänden entlang und erklimmen schließlich über ein Seil den Ausgang. Auf dem Hike lernte ich eine weltoffene Chinesin kennen, die allein reist. Ich mochte die Geschichten, die sie erzählte: „Lass dir nicht von deinen Freunden sagen, wie du dein Leben zu leben hast! Du bist eine starke, unabhängige Frau.“

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Plötzlich setzte starker, einiger Regen ein, auf den niemand von uns vorbereitet war. Wir froren und der Fahrtwind ließ unsere Hände und Arme erröten. Zuerst suchten wir Schutz unter den Bäumen, doch dann setzte der Donner ein. Ich genoss die körperliche Anstrengung. Die Natur nimmt keine Rücksicht. Man muss sich ihr anpassen.

Irritiert schaut mich die Giraffe an. Minutenlang. Ich schaue nicht weg. Sie bewegt ihren langen Hals nach rechts. Ich wiederhole die Bewegung. Ihre Augen schauten noch irritierter. Diese brauen Augen! Dieses Tier ist majestätisch.

Auf dem Weg zum See spürte ich plötzlich einen Körper, viel zu nah an meinem, hörte ein Knacken, verlor die Balance, kippte nach rechts, schützte mit meinen Händen meinen Kopf, schlug auf meine Wange und meine Hände auf, kroch rasch von der Straße. Danach kam der Schmerz. Ich wurde von einem Radfahrer überholt, der wiederum von einem Auto überholt wurde. Er fuhr zu nah an mich heran, wir verhakten uns, ich fiel auf den sandigen, steinigen Weg, er fuhr gegen das Auto. Niemand wurde verletzt, nur die Mattscheibe war dahin. Innerhalb von Sekunden versammelte sich eine Menschentraube erst um mich, das weiße Mzungo-Mädchen und dann, als deutlich wurde, dass ich mich nicht ernsthaft verletzt hatte, um den Autofahrer. Anschließend wurde ein wahnsinniger Aufriss um seine Mattscheibe veranstaltet, wie er nur in Afrika möglich ist. Mein Schmerz hielt nicht lange an und neugierig beobachtete ich die Unordnung des Verkehrsunfalls. Nach einigen Minuten wurde ich auf einen wärmenden Kaffee ins nächstgelegene „Hotel“ eingeladen, ein durch und durch blauer Raum von der Größe eines Transporters, mit blauen Stühlen und blauen Tassen. In den Kaffee meiner Begleiterin schüttete der Mann, der uns einlud (den Kaffee mussten wir trotz Einladung bezahlen) unzählbare gehäufte Löffel Zucker, sodass ich schließlich verzichtete. Die Wärme der Tasse tat dennoch gut.
„Kenia tut deiner Gesundheit keinen Gefallen“, stellt meine Begleiterin ironisch fest.
Neben uns hören wir den kräftigenden Kirchengesang des Stammes Kikuyu. „Ich verstehe kein Wort“, lacht der Hotelbesitzer. „Die Kikuyu sind ein anderer Stamm“.

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Wir wollten schließlich kaputt, müde, hungrig und ausgelaugt nur noch möglichst schnell nach Hause. Dies erwies sich nach 20km Fahrradtour und zweistündiger Wanderung als anstrengendste Teil des Ausflugs. Denn in Kenia geht niemals etwas „schnell“. Bis wir in der Mitte des Nirgendwo ein Matatu zu völlig überteuertem Preis bekamen, waren wir alle durchgefroren und abgenervt. Die Frau des Hotelbesitzers schickte immer wieder ein Matatu nach dem nächsten weg, weil sie für uns „ein besonders günstiges Angebot“ finden könne, bis ich einen armen Matatufahrer schließlich anschrie: „Ist mir doch egal ob ich fünfzig Cent oder einen Dollar bezahle! I don’t CARE! I just want to GO!“. Unsere Körper sind in der Lage, einiges auszuhalten. Für unsere starken, gesunden Körper sollten wir dankbar sein. Besonders dann, wenn das Abendessen mal wieder nicht für alle reicht.

Montag, den 22.08.2016

Ich verlasse Kenia inspiriert. Über unseren Alltag vergessen wir die Kultur, die Musik, die Kunst. Wir aßen zu Mittag in Thorns Tree Café, wo schon Hemingway in den 1930er Jahren zu Mittag aß. Das Café ließ einen denken, man säße statt inmitten der Großstadt in einem Garten. Die Tische bestehen aus schwarzen Metallstäben, auf denen in dunkelbraunem Leder gebundene Tischplätzchen liegen. Man sitzt auf weichen Weidenstühlen inmitten einem grünen Meer aus verschiedenen Pflanzen. In der Mitte steht ein dünner Baum, er ist die dritte Generation seit Hemingways Zeit und wächst noch. Besucher des Cafés, die auf der Durchreise waren, hefteten Briefe und Notizen an ihn mit Grüßen und Wünschen aus ihren jeweiligen Herkunftsländern.

Bildquelle: Eigene Darstellung

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Außerhalb der Stadt fanden wir eine Kunstgalerie, in welcher wir die Möglichkeit hatten, in direkten Kontakt mit den Künstlern zu treten. Wir ließen uns ihre Bilder erklären, spielten Fußball, unsere muslimischen Freunde bekamen eine Möglichkeit, zu beten und ich spielte mit einem der Künstler Gitarre. Wir hatten ein wunderbar interessantes Gespräch über die Kinder in Kibera. Er selbst lebte 20 Jahre in dem Slum. Seine Bilder sind unglaublich! Aus dem Gedächtnis malt er detailgetreu die Fassaden der Blechhütten, die Gräben, die sich quer durch den Slum ziehen und in denen sich Müll und Schlamm mischen, sogar die Wäscheleinen, die Kreuz und quer zwischen den Behausungen befestigt sind. Er erinnert sich an die Kunst, die auf die Hütten der Slums gekritzelt wurden und überträgt sie auf seine Leinwände. Mit angenehmer Stimme spricht er, wählt seine Worte überlegt und strahlt eine Ruhe aus, die sich auf mich überträgt. Ich fühle mich geborgen an diesem Ort, den ich zum ersten Mal besuche.

Wir sehen uns die Ausstellung der Werke eines der Künstler an und er erklärt uns: „I got the art from heaven“ – ein Naturtalent. Auf seinen Bildern gehen Menschen und Tiere auf unüberschaubare Weise ineinander über. „Wir sind alle gleich. Wenn Löwen und Antilopen einen Lebensort teilen können, können das aus Ägypter,“ (er zeigt jeweils auf einen von uns) „Deutsche, Chinesen. Wir können in Frieden leben“. Ich bin beeindruckt von der Art und Weise, wie er die Gesichter malt. Die Wangen sind sehr voll und die Augen lugen hinter ihnen hervor. „Meine Menschen hungern nicht“, antwortet er auf mein Kompliment. Er ist trotz seines Alters ein Idealist geblieben.

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