Dialog gegen den Terror: Wie uns Identität schützt

Warum wir terroristischen Anschlägen im Westen mehr Aufmerksamkeit schenken und ob unsere Reaktionen die Richtigen sind.

Das Gesicht der westlichen Identität

„Wir sind Charlie“. Auf den terroristischen Anschlag des Satire-Magazins in Paris folgten Anteilnahme, Schock, Solidarisierungsbekundungen. Fassungslosigkeit herrschte über die Gewalt „in unserer Mitte“. Wir sind Charlie. Wir sind James Foley. Warum aber sind wir nicht Kameruns Bevölkerung, die von Boko Haram verschleppt wird? Warum sind wir nicht diejenigen Kinder und Jugendliche, die vom IS hingerichtet werden?

Wir können den Redakteuren von Charlie Hebdo ein Gesicht geben, ein westliches Gesicht, mit dem wir uns identifizieren können: Dieses Gesicht kann genau so gut unseres sein. Dieses Gesicht lebt wie wir in einer Welt, in welcher der Staat für Sicherheit sorgt. Gelingt ihm dies nicht, trifft es uns. Es geht nicht nur um westliche Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit, die angegriffen werden. Unser Verständnis von zuverlässiger Gewährleistung von Sicherheit im Westen wird erschüttert. Wenn einem Gesicht, mit welchem wir uns identifizieren, dieses im Westen als Selbstverständlich wahrgenommene Recht auf Sicherheit nicht gewährleistet werden kann, müssen wir alles infrage stellen: Müssen wir uns bedroht fühlen? Kann der Staat wirklich immer für meine Sicherheit sorgen? Welche Weise ist die beste, um auf diese Erschütterung meines Weltbildes zu reagieren?

Wir sind nicht stumpf gegenüber Gewalt, die nicht zentral westlich statt findet – gerade weil wir an öffentliche Gewalt nicht gewöhnt sind, reagieren wir sensibel. Wir empfinden es als schrecklich, wenn wir an die Menschen denken, denen die fundamentalistische Organisation Boko Haram in Nigeria zusetzt. Wir sind aber nicht in der Lage, uns damit zu identifizieren: Unser Staat verfügt über die Stabilität und die Institutionen, die eine Gefährdung der Sicherheit unwahrscheinlich macht. Es fehlt uns an kultureller Nähe: Wir haben kein Verständnis für die politische Lage, unter der Machtkämpfe zwischen (meist korrupter) Regierung und terroristischen Fundamentalisten möglich sind.

Wie können wir uns gegen den Terror immunisieren?

Wie soll unsere Gesellschaft nun auf Terroranschläge reagieren? Boko Haram und Charlie Hebdo ignorieren? Es ist uns nicht möglich, Leid in unserem Zentrum zu ignorieren und auch global ausgeübte Anschläge beschäftigt unsere westliche, nationale Politik. Es ist auch nicht wünschenswert: Totschweigen und Ignoranz haben noch nie zu etwas Gutem geführt. Für unsere Identität ist der Dialog und die Auseinandersetzung mit allen Formen von Gewalt auf der ganzen Welt wichtig: Was wäre eine Deutsche Identität ohne die Auseinandersetzung mit den unvorstellbar grausamen Menschenrechtsverletzungen, die das Nazi-Regime an Millionen von Menschen verübt hat? Dass unsere Reaktion stärker erfolgt, je zentraler sie sich auf den Westen bezieht, liegt an der beschriebenen natürlichen Identifikation mit allem, was uns nah ist.
Es ist aber auch wichtig, sich als eine Identität mit Gewalttaten auseinander zu setzen, die die Identität im ersten Moment nicht betreffen zu scheinen: Indem wir Solidarität, Anteilnahme und vor allem Gesprächsbereitschaft zeigen! Die Anwesenheit auf Trauermessen mehrerer Staatsoberhäupter islamisch geprägter Länder und die Äußerungen wichtiger Vertreter des Islam zeigen eine globale Bezugnahme.
Niemand schweigt, alle zeigen: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Identifikation wird zum Schlüssel für Solidarität: Diese starke Gemeinschaft bildet ein Lichtschild gegen Terror und Hass. Ziel terroristischer Anschläge ist es, eine Nation zu spalten. Einigkeit ist die angemessene Reaktion.

Ein Beitrag von Mandy Lüssenhop

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