Studieren 2.0

Technik im Hörsaal: Fortschritt oder Aufmerksamkeitskiller?

Ein Affe klettert auf die Schulter eines Mittedreißigers, füttert ihn mit einer Banane, springt wild herum und kratzt sich am, nun ja. Dies alles sehe ich im Hörsaal der Universität, an der ich studiere. Affen an der Universität?

Natürlich nicht leibhaftig, sondern auf der Internet-Videoplattform ‚YouTube’, die ein Kommilitone auf seinem Laptop aufgerufen hat.
Eine Debatte ist entbrannt, in der es um die Nutzung von Techniken wie Laptops oder Tablets im Hörsaal geht. Werden tatsächlich Mitschriften angefertigt und Hintergrundinformation geprüft? Oder kommunizieren die Studenten mit ihren Freunden online in sozialen Netzwerken?

Ich ticke meine Sitznachbarin an, mache sie auf das Video aufmerksam, wir kichern. Dann bemerke ich: ich wurde von einem wichtigen Vorlesungsinhalt abgelenkt. Auch weitere Kommilitonen gehen anderen Beschäftigungen nach, als sich Gedanken um die gerade statt findende Vorlesung zu machen: online-shopping und Twitter scheinen eine höhere Priorität zu haben. Sind Hörsäle tatsächlich keine Stätten des Lernens und Wissens mehr, sondern dienen lediglich der Bespaßung? Doch ich sehe auch geöffnete Word-Dokumente, Finger, die geschickt und schnell über die Tasten gleiten, um möglichst viel des Vorlesungsinhaltes aufzuschreiben.

Eine empirische Studie der Wissenschaftlerin Vera Gehlen-Baum und des Professors Armin Weinberger der Universität des Saarlandes hat sich im April 2014 mit den Tätigkeiten der Studenten an ihren Laptops und Smartphones während der Vorlesung befasst. Aufbauend auf dieser Studie möchten die Wissenschaftler Methoden entwickeln, welche die Studenten aktiv in die Vorlesung einbinden.

Um die Studenten während der Vorlesungen systematisch beobachten und analysieren zu können, haben sich die Wissenschaftler selbst in einen Hörsaal gesetzt: die Fächer Betriebswirtschaft, Erziehungswissenschaft und Informatik wurden als repräsentativ empfunden. „Studien haben gezeigt, dass diese drei Fächer den Durchschnitt der Studienlandschaft gut repräsentieren“, erklärt Gehlen-Baum ihre Auswahl.

Ein eigens entwickeltes Schema teilt die Aktivitäten der Studenten in zwei Kategorien: vorlesungsnahe und –ferne Tätigkeiten. Die Wissenschaftlerin erläutert: „Vorlesungsnah sind zum Beispiel Tätigkeiten, bei denen Studenten auf ihrem Laptop mitschreiben oder die Folien der Präsentationen verfolgen. Vorlesungsfern sind hingegen Tätigkeiten wie Surfen im Internet oder Freunde über soziale Netzwerke kontaktieren“.

Affenvideos oder Vorlesungsfolien?

Insgesamt wurden Vorlesungen mit über 600 Studenten Besucht. Dabei wurden 86 Personen mit 91 mobilen Geräten beobachtet. „Informatiker setzen in der Regel auf Laptops, bei den BWL-Studenten haben wir alle Arten von Geräten gefunden, die Erziehungswissenschaft war die Gruppe mit den wenigsten Geräten“, sagt Gehlen-Baum. „Die meisten Studenten, die wir beobachtet haben, haben sich mit vorlesungsfernen Aktivitäten beschäftigt.“

Ich nicke; das kann ich bestätigen, da auch ich Kurse in den Erziehungswissenschaften besucht habe. Hier wird tatsächlich weniger Technik genutzt als in anderen Vorlesungen. Mein Eindruck ist allerdings, dass auch dort Notizblöcke und Kugelschreiber mehrheitlich verwendet werden. Vorlesungsfolien, die bereits vor der Veranstaltung in studentischen Plattformen hochgeladen werden, werden auf dem Laptop oder dem Tablet-PC aufgerufen und mit eigenen Notizen ergänzt.

Das Konzept scheint sich zugunsten der Nutzenmaximierung verschoben zu haben: ist der Inhalt der Vorlesung interessant genug oder wäre die Zeit mit Online-Shopping besser genutzt? Sollte man vielleicht an der Vorlesung „an sich“ ansetzen, statt sich beispielsweise am amerikanischen Verbot von Laptops und Smartphones im Hörsaal zu orientieren?

Nach einer solchen Alternativlösung haben auch Gehlen-Baum und Weinberger geforscht. Sie nahmen unter die Lupe, wie die Dozenten ihren Unterricht gestalten. „Die meisten Dozenten halten einen reinen Frontalunterricht“, berichtet die Forscherin. Der ist erfahrungsgemäß anstrengend. Die Konzentrationsspanne eines Menschen reicht nicht aus für eine 90-minütige Vorlesung. Die beiden Wissenschaftler arbeiten daher an neuen Methoden, mit denen die Dozenten ihre Zuhörer besser in ihre Vorlesungen einbinden können.

Die Internetplattform „Backstage“ ist ein solcher Ansatz, der Dozenten dabei hilft, ihren Unterricht besser zu strukturieren und die Studenten gezielt einzubinden. Getestet wird die Website derzeit in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilian-Universität in München.

Laptoprücken statt Gesichter

Doch können verbesserte Lernmethoden ein interaktives Miteinander schaffen, während Dozenten noch immer täglich gegen eine Mauer von Laptops schauen müssen? Technik ist sowohl fortschrittlich als auch ein Aufmerksamkeitskiller: vorlesungsnah genutzt ist der Laptop ein effektiver Weg, sich mit den Vorlesungsinhalten auseinander zu setzen – gleichzeitig stellt das Gerät an sich eine Barriere zum Dozenten dar – der Person, die das Wissen vermittelt.

Schon Leonardo da Vinci sagte: „Sinnbild des Fortschritts: Eines vertreibt das andere.“

Von Mandy Lüssenhop
(Quelle: Gehlen-Baum, Vera und Weinberger, Armin: Teching. learning and media use in today’s lectures in: Computers in Human Behavior, 2014)

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