…alles, was Beine hat!

Der Friede-Freude-Eierkuchen ist fertig
Eine Rückmeldung an den Weckruf der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Der Artikel der FAZ, der Studierende zur Selbstständigkeit „wecken“ soll, hat recht – teils/teils. Kritisiert wird fehlender Widerstand (den Dozierenden gegenüber), hochstaplerische Lebensläufe, „schauerliche Lustigkeit“ junger Politikerinnen und Politiker, anscheinend widersprüchliche Ansprüche, die Wortwahl (Studierende sagen immer „genau“), das Fehlen von Gegnern, wenig bis kein Erfindungsreichtum.

Es ist ja so, dass sich junge Leute an der Welt orientieren, in der sie leben. Das amerikanische Studierendenbild der 60iger und 70iger Jahre war durchaus politisch geprägt: Demonstration gegen den Vietnamkrieg, Proklamation für Friede, Freude, Eierkuchen. Heute ist der Friede-Freude-Eierkuchen fertig gebacken – und wieder beschweren sich alle. Weil die heutigen Studierenden in Amerika der Spring Break mehr interessiert als die Tatsache, dass Edward Snowden ein moralisches Desaster mit Folgen für den gesamten Erdball und all seiner Bewohner darauf aufgedeckt hat. Heute löst dies in Amerika nicht viel Empörung aus. Damals hätten die Studierenden ein Festival gegen die NSA veranstaltet. Würde das heute jemand ernst nehmen?

Wie ist das Studierendenbild in Deutschland? „Grottenolme am Badesee“ beschreibt es der Autor Axel Wermelskirchen ziemlich treffend. Wir sitzen spät nachts in der Bibliothek und lernen und haben gleichzeitig den Anspruch etwas Spaß zu haben – dies kann im Übrigen als allgemeine Definition eines Studierenden gelten. Wir wissen: von nichts kommt nichts. Wir wollen lernen, lernen, lernen und gleichzeitig Spaß, Spaß, Spaß, das bedeutet = Stress, Stress, Stress. Doch hier wird übersehen, dass ein Studierender nicht das ganze Jahr über ständig Klausuren schreibt (lernen, lernen, lernen) und ganze
zwei Monate (!) Semesterferien hat (Spaß, Spaß, Spaß).

Außer man verbringt diese Semesterferien mit einem Praktikum um den Lebenslauf aufzumöbeln (Stress, Stress, Stress). Im Artikel wird leider davon ausgegangen, dass die Angaben in unseren Lebensläufen Hochstaplerei wären. Tatsache jedoch ist: wir brauchen fünf Praktika und müssen drei Mal im Ausland gewesen sein und vier Sprachen fließend sprechen, um überhaupt aufzufallen. Damit unser Lebenslauf erst gar nicht auf dem ‚antarktischen Berg‘ landet. Denn dort wird ebenso jemandes Lebenslauf gelandet sein, der sechs Praktika in noch populäreren Unternehmen „absolviert“ hat, vier Mal viel länger als man selbst im Ausland gewesen ist (bestenfalls auch dort studiert hat) und fünf Sprachen fließender spricht als der Nil.

Also: wir haben keinen Vietnamkrieg, aber sehr wohl einen Gegner. Einen Gegner, auf den man nicht mehr so offensichtlich mit dem Finger zeigen kann, denn er trägt den Namen „Leistungsdruck“. Durch die neuen Techniken kennen wir plötzlich die Geschichten von Gleichaltrigen aus einem Land, das man bestenfalls von der Karte kennt, die in allem viel besser sind als man selbst. Diese potentiell reale Person würde dich in einem Bewerbungsgespräch ohne viel Aufwand ausstechen! Deswegen musst du besser werden als sie, noch mehr Praktika machen, noch eine Sprache lernen.

Die Welt ist stressiger geworden – insgesamt. Und ‚insgesamt’ impliziert das Leben als Studierender. Wir konsumieren und konsumieren – und alle anderen? Auch! Wir sind überfordert mit der Vielzahl an Technik und der weltweiten Vernetzung, denn das heißt Stress und Konkurrenz.

So naiv sind Studierende gar nicht. Wir reden sehr wohl über Politik – lebend in einem Teil der Welt, in der kriegerische Auseinandersetzungen und moralisch fragwürdige Momente auf Fernsehbildschirmen statt finden. Aber wie sollen wir es begreifen? Wie sollen wir uns einsetzen, aktiv etwas zu ändern? Wir haben es nie erlebt.

Wir leben in einem Teil der Welt der – für uns – friedlich ist, in dem immer mehr konsumiert wird. Deswegen replizieren wir es auch: wir sind tolerant! Weil unser Umfeld es uns erlaubt. Wir sind friedlich, weil es unser Umfeld ist! Wir sind weltoffen, weil die Welt offen ist. Wir sind jung, weil wir keine Scheuklappen tragen die uns einschränken in festgefahrenen Ansichten. Wir sind interessiert, selbstbewusst, ruhig und besonnen – aber wir schlafen nicht! Wir haben Ideen! Wir haben nur keinen Grund, geweckt zu werden.*

*Dieser Artikel entstand im Jahr 2014, als Fridays for Future noch keine globale Bewegung war (der Klimawandel jedoch durchaus bereits eine noch nicht breit publizierte Gefahr darstellte). Die Bewegung junger Schülerinnen und Schüler ist das beste Beispiel dafür, dass die junge Generation sehr wohl das Mittel der Demonstration und des Protestes nutzt, um ein Umdenken in Politik und Wirtschaft zu erreichen. Zahlreiche Studierende haben sich der Bewegung angeschlossen. Von fehlender Selbstständigkeit, vom unreflektierten Ja-Sager („genau“), vom fehlenden Widerstand kann nicht mehr die Rede sein.

Mandy Lüssenhop

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Leserkommentars für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und wurde in keinem konventionellen Medium publiziert.

Bildquelle Titelbild: Pixabay (CC)

Werbeanzeigen

Ein Kommentar zu „…alles, was Beine hat!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s